Der nahtlose Übergang — NS-Funktionäre in den Gründungsinstitutionen der Bundesrepublik, NATO und EWG
Eine Personaldokumentation auf Basis amtlicher Historikerkommissionen, Bundesarchiv-Quellen und parlamentarischer Anfragen. Keine Thesen — nur belegte Karriereverläufe nebeneinandergestellt.
1. Die systemische Grundlage: Artikel 131 Grundgesetz
Den rechtlichen Rahmen für die Massenreintegration ehemaliger NS-Funktionäre schuf nicht informeller Proporz, sondern ein Bundesgesetz. Artikel 131 Grundgesetz verpflichtete den Bund, die Rechtsverhältnisse ehemaliger Beamter zu regeln, die infolge der Kriegsniederlage ihren Dienst verloren hatten.
Das Ergänzungsgesetz von 1951 erlaubte die Wiedereinstellung von zuvor entlassenen „Minderbelasteten". Die Gesamtzahl der von 1951 bis 1953 bei Bund und Ländern wieder eingestellten „131er" lag bei 39.000 — ohne Post und Bahn. Eine einheitliche Überprüfung auf NS-Verbrechen fand nicht statt.
2. Einzeldokumentationen — Schlüsselpersonen
Die folgenden Lebensläufe basieren ausschließlich auf amtlichen Quellen: Bundesarchiv-Beständen, dem Abschlussbericht der Unabhängigen Historikerkommission Auswärtiges Amt (2010), dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung sowie Urteilen und Parlamentsprotokollen.
Als Referent im Preußischen Innenministerium erarbeitet Globke Richtlinien, nach denen Namensänderungen für Juden eingeschränkt werden sollen, damit diese „blutmäßig" kenntlich bleiben.
Gemeinsam mit SS-Obergruppenführer Wilhelm Stuckart verfasst Globke den juristischen Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen. Der Kommentar schafft die Rechtsbasis für die Klassifikation und Verfolgung von Menschen nach rassistischen Kriterien. BELEGT
Globke erarbeitet die Namensänderungsverordnung: Jüdische Männer werden per Gesetz gezwungen, den Zwangsnamen „Israel" zu führen, jüdische Frauen „Sara" — zur leichteren Identifizierung. BELEGT
Globke erarbeitet den „Kodex des jüdischen Rechts" für die Slowakei, der die Entrechtung und Enteignung der jüdischen Bevölkerung einleitet. Er ist zentrale Auskunftsperson für die Anwendung der Nürnberger Gesetze in den besetzten Gebieten.
Adenauer beruft Globke als Ministerialdirigenten ins neugeschaffene Bundeskanzleramt — trotz Kenntnis seiner NS-Vergangenheit und trotz Protesten der SPD-Opposition. BELEGT
Globke veranlasst ein Gesetz, das ehemaligen NS-Beamten rückwirkend Gehaltsnachzahlungen, Pensionen und Beförderungen gewährt — so, als hätte der Krieg nicht stattgefunden.
Globke wird Staatssekretär und Chef des Bundeskanzleramts — de facto der mächtigste Beamte der Bundesrepublik. Er bestimmt Personalentscheidungen in allen Ministerien, beaufsichtigt den Aufbau des Bundesnachrichtendienstes und fungiert als Hauptverbindungsmann zur CIA und zur NATO. BELEGT
Das Oberste Gericht der DDR verurteilt Globke in Abwesenheit zu lebenslanger Haft. Die Bundesrepublik erkennt das Urteil nicht an. Globke verlässt das Amt mit Adenauer — ohne strafrechtliche Konsequenzen in der BRD.
Hallstein wird mit 29 Jahren jüngster Rechtsprofessor Deutschlands — Berufung nach Rostock, Dekan ab 1936.
Hallstein ist Mitglied des NS-Rechtswahrerbundes, des NS-Lehrerbundes, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, des NS-Luftschutzbundes und des NS-Dozentenbundes. Er ist kein NSDAP-Mitglied — die Pflichtmitgliedschaft in NS-Berufsorganisationen ist für Beamte jedoch Voraussetzung für die Fortsetzung der Tätigkeit. BELEGT
Hallstein beteiligt sich an Verhandlungen zwischen NS-Deutschland und dem faschistischen Italien und setzt sich für eine vereinheitlichte europäische Rechtskultur unter deutscher Führung ein. BELEGT
Die Universität Frankfurt meldet Hallstein dem NS-Dozentenbund als „NS-Führungsoffizier". Im Juli 1944 gerät er als Leutnant in Frankreich in US-Kriegsgefangenschaft.
Hallstein ist Gastprofessor an der Georgetown University in Washington — derselben Institution, in deren Archiv später die Dokumente zur CIA-Finanzierung der europäischen Einigungsbewegung lagern (ACUE-Records). OFFEN
Adenauer holt Hallstein in den außenpolitischen Apparat. Er wird leitender Beamter des Auswärtigen Amts und maßgeblicher Architekt der Westintegration.
Hallstein wird erster Präsident der Kommission der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Er beschreibt sich als „eine Art europäischer Premierminister" und bezeichnet nationale Souveränität als „gestrige Doktrin". Sein erklärtes Ziel: „Dieses Endziel bleibt der europäische Bundesstaat." BELEGT
Speidel ist Chef des Kommandostabs des deutschen Militärbefehlshabers in Paris. In dieser Funktion wird er für die Deportation von Pariser Juden und Geiselerschießungen mitverantwortlich gemacht. Die Deportationsberichte gehen über seinen Schreibtisch. BELEGT
Als Generalstabschef der Heeresgruppe B unter Rommel beteiligt sich Speidel am Attentat vom 20. Juli 1944. Nach dessen Scheitern wird er von der Gestapo verhaftet, überlebt jedoch den Krieg.
Speidel wird — entgegen den Empfehlungen des Personalgutachterausschusses — als General in die neue Bundeswehr übernommen. Die Bundesregierung übergeht das Gutachten. BELEGT
Speidel wird NATO-Oberbefehlshaber der alliierten Landstreitkräfte in Mitteleuropa — höchste militärische NATO-Führungsposition für Deutschland. Sein Hauptquartier: Schloss Fontainebleau. BELEGT
De Gaulle erzwingt Speidels Abberufung. Der französische Präsident verweist explizit auf Speidels Rolle bei der Bekämpfung des französischen Widerstands und den Deportationen. BELEGT
Heusinger ist im Oberkommando des Heeres (OKH) zuständig für die Koordinierung der sogenannten „Partisanenbekämpfung" in den besetzten Gebieten — eine Tätigkeit, die mit Massenerschießungen von Zivilisten verbunden ist. BELEGT
Heusinger steht unmittelbar neben Hitler, als die Bombe explodiert. Er wird verletzt und überlebt.
Heusinger wird erster Generalinspekteur der Bundeswehr — höchster militärischer Dienstgrad der neuen deutschen Armee. BELEGT
Heusinger wird Vorsitzender des NATO-Militärausschusses in Washington — der höchste militärische Posten der Allianz. Zeitgleich läuft in der UdSSR ein Haftbefehl gegen ihn wegen Kriegsverbrechen. BELEGT
Als Student beteiligt sich Oberländer am Hitler-Ludendorff-Putsch in München. BELEGT
Oberländer tritt in die NSDAP ein. Er wird Professor und 1941 Dekan der Karls-Universität Prag. BELEGT
Oberländer kommandiert eine Einheit, die nach dem Einmarsch in Lemberg (Lwiw) eingesetzt wird. Journalisten und DDR-Gerichte werfen ihm später vor, an Massakern an der jüdischen Bevölkerung beteiligt gewesen zu sein. Bundesrepublikanische Verfahren werden mangels Tatverdacht eingestellt. OFFEN
Oberländer ist Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte unter Adenauer — als NSDAP-Mitglied und Hitler-Putschist im Kabinett der jungen Demokratie. BELEGT
Oberländer tritt zurück — als erster Bundesminister, der wegen seiner NS-Vergangenheit das Amt verlässt. Auslöser ist nicht ein Gericht, sondern politischer Druck seiner eigenen Partei. BELEGT
3. Die institutionelle Ebene: Das Auswärtige Amt
Der systematisch am besten dokumentierte Fall ist das Auswärtige Amt — weil hier eine unabhängige, international besetzte Historikerkommission im Auftrag des Außenministers sechs Jahre lang in 30 Archiven geforscht hat.
Das Ergebnis, 2010 veröffentlicht: „Das Amt und die Vergangenheit" (Conze / Frei / Hayes / Zimmermann, Karl Blessing Verlag, 879 Seiten).
| Zeitpunkt | Befund | Status |
|---|---|---|
| 1943 | 573 von 703 Angehörigen des höheren Dienstes im AA sind NSDAP-Mitglieder (81,5 %) | BELEGT |
| März 1952 | 49 von 75 Ministerialebenen-Angehörigen (Direktoren, Dirigenten, Referatsleiter) des wiedergegründeten AA sind ehemalige NSDAP-Mitglieder (65 %) | BELEGT |
| 1951–1955 | Diplomaten, die im Widerstand tätig waren (z. B. Fritz Kolbe), werden als „Verräter" abgelehnt. NS-Belastete werden bevorzugt eingestellt. | BELEGT |
| 2010 | Außenminister Westerwelle bei Übergabe des Berichts: Das AA habe „noch jahrzehntelang ein Geschichtsbild gepflegt, das diese Vergangenheit ausblendete und das AA zum Hort des Widerstands gegen das Regime umdeutete". | BELEGT |
4. Gesamtübersicht: Fünf Institutionen — ein Muster
| Person / Institution | NS-Funktion / Belastung | Nachkriegsposition |
|---|---|---|
| Hans Globke | Kommentar Nürnberger Rassegesetze, Zwangsnamen, Kodex Slowakei | Chef Bundeskanzleramt, CIA-Verbindungsmann, NATO-Liaison 1953–63 |
| Walter Hallstein | 5 NS-Organisationen, NS-Führungsoffizier gemeldet, europ. Rechtsharmonisierung unter dt. Führung 1938/39 | Erster EWG-Kommissionspräsident 1958–67 |
| Hans Speidel | Mitverantwortung Deportationen Paris, Geiselerschießungen 1940–42 | NATO-Oberbefehlshaber Mitteleuropa 1957–63 |
| Adolf Heusinger | Koordinierung „Partisanenbekämpfung" OKH 1940–44 | 1. Generalinspekteur Bundeswehr; Vorsitzender NATO-Militärausschuss 1961–64 |
| Theodor Oberländer | Hitler-Putsch 1923, NSDAP ab 1933, Vorwürfe Lemberg 1941 | Bundesminister 1953–60 |
| Auswärtiges Amt | „Verbrecherische Organisation" (Historikerkommission 2010) | 1952: 65 % der Ministerialebene NSDAP-Mitglieder |
| Bundeswehr gesamt | Wehrmacht-Offizierskorps | 1959: 12.360 von 14.900 Zeitsoldaten mit NS-Offiziersstatus |
5. Die offizielle Begründung
Die westdeutsche Regierung hat die Personalentscheidungen nie bestritten — sie hat sie erklärt. Adenauers Logik, rekonstruiert aus Protokollen und Zeitzeugenberichten:
Ein funktionierender Staat braucht erfahrene Verwaltungsbeamte. Ein NATO-Bündnis braucht kriegserfahrene Generäle. Eine junge Demokratie kann es sich nicht leisten, den gesamten Apparat auszutauschen. Vergangenheit wird durch Loyalität zur neuen Ordnung überschrieben.
Was diese Erklärung nicht beantwortet: Welche institutionellen Kulturen, Rechtstraditionen und Machtverständnisse diese Personen in die neu gebauten Institutionen eingebracht haben — und wie lange diese Prägungen wirksam blieben.
Die Namen sind dokumentiert. Die Funktionen sind dokumentiert. Die zeitliche Überschneidung ist dokumentiert. Was nicht dokumentiert ist: ob die Institutionen, die diese Personen mitgeprägt haben — das Auswärtige Amt, die Bundeswehr, die EWG-Kommission, das Bundeskanzleramt —, andere Strukturen, andere Rechtsverständnisse und andere Machtkonzepte entwickelt hätten, wenn ihre Gründergeneration anders ausgesehen hätte.
Diese Frage bleibt offen. Absichtlich.