Ein Regime, das die eigene Bevölkerung nach rassischen Kategorien sortierte und vernichtete, präsentierte sich zeitgleich in Nordafrika, auf dem Balkan, in der Krim und im Kaukasus als Beschützer der Muslime. Gut erforscht — und kaum bekannt, weil es nicht ins gängige Bild passt.
BELEGTAls Hitlers Truppen ab 1941/42 in muslimisch besiedelte Kriegsgebiete einmarschierten, warb Berlin gezielt um Muslime als Verbündete. Rassistische Vorbehalte der NS-Ideologie wurden dabei mit auffälligem Pragmatismus beiseitegeschoben, sobald militärischer Nutzen erkennbar war.
Die Kooperation begann nicht erst im Krieg. Am 31. März 1933 — einen Tag vor dem reichsweiten NS-Judenboykott — traf sich Amin al-Husseini, Großmufti von Jerusalem, mit dem deutschen Generalkonsul in Jerusalem und bot dem gerade etablierten NS-Regime seine Unterstützung an.
Palästinensischer Araber, 1921–1937 Großmufti von Jerusalem mit erheblichem politischen und ökonomischen Einfluss. Nach Flucht ins Exil ab 1941 in Berlin. BELEGTSein Einfluss auf die tatsächliche NS-Politik war begrenzt: Sein Ziel, verbindliche Zusagen für arabische Unabhängigkeit zu erreichen, scheiterte. Wirksam war er vor allem dort, wo seine Vorstöße deutschen Interessen dienten — etwa beim Unterbinden jüdischer Emigration aus Südosteuropa nach Palästina.
Enge Zusammenarbeit al-Husseinis mit dem NS-Regime in Berlin. Propagandarolle, begrenzter politischer Einfluss, keine nachweisbare Rolle bei der Planung der "Endlösung".
VT — richtiggestelltBenjamin Netanyahu behauptete, al-Husseini habe Hitler die Idee zur "Endlösung" eingegeben. Angela Merkel widersprach öffentlich, Yad Vashem protestierte scharf. Historisch gilt die These als unhaltbar.
BELEGTDeutsche Militär- und Verwaltungsstellen fassten ethnisch, sprachlich und sozial völlig heterogene Bevölkerungsgruppen bewusst unter dem Sammelbegriff "Islam" zusammen. Der Vorteil aus deutscher Sicht: Die Kategorie umging heikle Fragen nationaler Unabhängigkeit und suggerierte zugleich eine gemeinsame Loyalitätsbasis.
Am 22. Dezember 1941 befahl Hitler den Aufbau von "Ostlegionen". Rekrutiert wurden lokale Freiwillige ebenso wie muslimische Kriegsgefangene — deren Lager eine Sterberate von rund zehn Prozent durch Hunger und Seuchen aufwiesen.
BELEGTBekanntestes Beispiel einer muslimischen Kampfeinheit ist die bosnische Waffen-SS-Division "Handschar". Wehrmacht und Waffen-SS rekrutierten insgesamt Zehntausende muslimische Freiwillige — Bosnier, Albaner, Krimtataren, Muslime aus dem Kaukasus und Zentralasien.
EXTRAPOLATIONDer vermeintliche "muslimische Fanatismus" wurde von NS-Funktionären als militärisch nützliche Eigenschaft betrachtet — eine Zuschreibung, die eher deutschen Erwartungen als der Realität entsprach, wie die hohe Desertionsrate nahelegt.
Neben Druckschriften, die zwischen 1940 und 1943 millionenfach über das Afrikakorps verbreitet wurden, setzte das Regime vor allem auf Radio. BELEGTÜber Kurzwelle sendeten "Radio Berlin" und die "Stimme des freien Arabertums" arabischsprachige Programme, produziert unter Mitwirkung arabischer Exilanten und Kollaborateure. Die Propaganda betonte systematisch vermeintlich gemeinsame Feinde: das britische Empire, den Kommunismus — und die Juden.
Trotz erheblichem propagandistischem und organisatorischem Aufwand gelang es dem Regime nicht, den Islam zu instrumentalisieren, um Muslime als geschlossene Gruppe zu gewinnen. Viele Ostlegionäre desertierten kurz nach der Rekrutierung. EXTRAPOLATIONDas Bild war zudem nicht monolithisch: Albanische Muslime etwa boten hunderten jüdischen Flüchtlingen Zuflucht — Kollaboration und Solidarität existierten nebeneinander, nicht als sich ausschließende Kategorien.
Associate Professor of International History, London School of Economics. Promotion 2010 in Cambridge (Gates Scholar), ausgezeichnet mit Prince Consort Prize und Seeley Medal. Legte 2014 (Harvard University Press, neun Sprachen) die erste umfassende Studie zur NS-Islampolitik vor — gestützt auf Archivarbeit in über 30 Archiven in 14 Ländern. Deutscher Titel: "Für Prophet und Führer" (Klett-Cotta).
Wie viele weitere Kapitel europäischer Diktaturgeschichte widersprechen dem vereinfachten Bild, das wir uns von ihnen gemacht haben?