Nach den Messerattacken von Mannheim und Solingen 2024 verschärfte der Bundestag das Waffengesetz: Messerverbotszonen, ein Verbot des Mitführens von Messern im öffentlichen Personenfernverkehr, erweiterte Länderbefugnisse. Die Idee klingt einfach – Schilder, die anzeigen, wo Waffen und Messer verboten sind. Was diese Zonen tatsächlich bewirken, ist zwei Jahre später weiterhin unklar. Nicht, weil es an Daten fehlt, sondern weil die vorhandenen Daten sich widersprechen und eine systematische Prüfung bislang nicht stattgefunden hat.
Der praktisch entscheidende Effekt einer Messerverbotszone ist nicht das Schild selbst. Es ist die damit verbundene Befugnis der Polizei zu verdachtsunabhängigen Kontrollen. Ohne eine solche Zone bräuchte es einen konkreten Anlass, um jemanden zu durchsuchen. Mit ihr darf grundsätzlich jede Person angehalten und kontrolliert werden – unabhängig von einem individuellen Verdacht.
Berlin richtete im Februar 2025 drei dauerhafte Waffen- und Messerverbotszonen ein (Görlitzer Park, Kottbusser Tor, Leopoldplatz), im Juli 2025 folgte das Verbot im gesamten ÖPNV. Was seither an Zahlen veröffentlicht wurde, ergibt kein einheitliches Bild.
Beide Zahlenreihen können gleichzeitig zutreffen: ein prozentualer Rückgang gegenüber einer vorherigen, höheren Basis – und trotzdem eine zweistellige Zahl an Vorfällen pro Jahr in genau den Bereichen, die als besonders kontrolliert gelten. Das eine widerlegt das andere nicht zwangsläufig, es zeigt aber, wie unterschiedlich sich dieselbe Maßnahme darstellen lässt, je nachdem, welche Zahl man in den Vordergrund stellt.
Das ist der eigentliche Kern der Sache. Zwei Jahre nach Einführung der ersten Zonen im Rahmen des Bundes-Sicherheitspakets existiert keine systematische, methodisch saubere Untersuchung, ob die Maßnahme tatsächlich zu weniger Messerkriminalität führt oder ob die Polizei lediglich mehr kontrolliert, ohne dass sich am zugrunde liegenden Geschehen etwas ändert. Beide Fragen sind nicht dasselbe – aber genau diese Unterscheidung fehlt in der öffentlichen Debatte fast vollständig.
Deutschlands älteste Waffenverbotszone liegt in Hamburg, auf der Reeperbahn, seit 2007. Fast zwei Jahrzehnte Erfahrung liegen also vor. Nach kriminologischen Auswertungen haben Waffenstraftaten in diesem Zeitraum durch das Verbot selbst nicht nachweisbar abgenommen.
Lesart eins: Die Zonen wirken zumindest teilweise – die von Berlin gemeldeten Rückgänge sind real gemessene Zahlen, keine Erfindung. Über 30.000 Kontrollen und mehrere Hundert sichergestellte Messer sind ein konkretes, nicht symbolisches Ergebnis.
Lesart zwei: Ohne systematische Evaluation lässt sich nicht zwischen echter Prävention und bloßer Verlagerung unterscheiden. Wenn Täter in benachbarte, nicht kontrollierte Bereiche ausweichen, sinkt die Zahl in der Zone, während das Gesamtproblem unverändert bleibt. Genau diese Kontrollrechnung fehlt.
Bleibt offen: Warum wird eine Maßnahme, die tief in Grundrechte eingreift und seit fast zwei Jahrzehnten in unterschiedlichen Städten läuft, bis heute nicht sauber evaluiert – und wem nützt es, dass diese Frage unbeantwortet bleibt?