DUNKELFELD.REPORT — SERIE: WESSEN LOBBY GEWINNT? — TEIL 2 VON 3

Wir zahlen fürs Aussteigen: Deutschlands Energie-Lobby

Deutschland · Atomausstieg, Kohleausstieg, Verbandsspitzen — ein anderer Mechanismus, dasselbe Muster

Teil 1 dieser Serie zeigte: In den USA entscheidet nicht das Lobbybudget über politischen Einfluss, sondern die personelle Nähe zur Regierung. In Deutschland läuft der Mechanismus anders — hier zahlt der Staat nicht für Lobbying, sondern direkt an die Konzerne, die er per Gesetz zum Ausstieg zwingt.

Der Atomausstieg: 2,4 Milliarden Euro

BELEGT Nach dem beschleunigten Atomausstieg 2011 (Reaktion auf Fukushima) klagten RWE, E.ON und Vattenfall vor dem Bundesverfassungsgericht. 2016 urteilte das Gericht: Der Ausstieg selbst ist verfassungsgemäß — aber ein Teil der Enteignung muss entschädigt werden. Nach jahrelangem Streit einigten sich Bund und Konzerne 2021 auf eine Gesamtsumme.

1,425 Mrd. € Vattenfall (größter Anteil, plus internationale Schiedsklage)
880 Mio. € RWE
80 Mio. € EnBW
42,5 Mio. € E.ON
Quelle
Der größte Teil der Summe bezieht sich auf entgangene Erlöse aus nicht mehr produziertem Strom. 142,5 Mio. € davon sind für „entwertete Investitionen“ vorgesehen, die zwischen der Laufzeitverlängerung 2010 und der Abschaltung 2011 getätigt wurden. (Handelsblatt / taz, März 2021)

Der Kohleausstieg: 4,35 Milliarden Euro — und eine strittige Formel

BELEGT Für den gesetzlich fixierten Kohleausstieg bis 2038 erhalten RWE (2,6 Mrd. €) und LEAG (1,75 Mrd. €) Entschädigungen — nicht über eine Ausschreibung wie bei der Steinkohle, sondern über direkte Verhandlung mit dem Staat. Die EU-Kommission genehmigte die RWE-Zahlung 2023.

Statt 4,35 Milliarden an Entschädigungen für den Kohleausstieg stehen den deutschen Braunkohlekonzernen maximal 343 Millionen Euro zu. — Ember / Greenpeace-Analyse der Berechnungsformel des Bundeswirtschaftsministeriums, 2021

BELEGT Die Klima-Denkfabrik Ember rekonstruierte gemeinsam mit Greenpeace eine zunächst als Verschlusssache eingestufte Berechnungsformel aus dem Wirtschaftsministerium (unter Minister Altmaier). Ergebnis: Bei realistischeren Annahmen zu Laufzeit, CO2-Preisentwicklung und Ausgleichszeitraum hätte die gerechtfertigte Entschädigung bei rund 343 Mio. € statt 4,35 Mrd. € gelegen — ein Faktor von etwa 13. Auch das unabhängige Öko-Institut kam mit vorsichtigeren Annahmen auf eine Überzahlung von bis zu 2 Mrd. €.

BerechnungSummeQuelle
Verhandelt (BMWi/BMWK)4,35 Mrd. €Bundeswirtschaftsministerium
Öko-Institut (vorsichtige Korrektur)ca. 2,4–3,35 Mrd. €Studie i.A. Klima-Allianz Deutschland
Ember/Greenpeace (realistische Annahmen)ca. 343 Mio. €Rekonstruierte BMWi-Formel

Die Verbandsspitze: BDEW und der Seitenwechsel

BELEGT Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) vertritt rund 2.000 Mitgliedsunternehmen, dominiert von E.ON, RWE und VNG. Die Verbandsspitze zeigt denselben Revolving-Door-Mechanismus, der auch in den USA das eigentliche Machtinstrument ist — nur über Parteikarrieren statt über Regierungsämter.

Kerstin Andreae Hauptgeschäftsführerin BDEW seit November 2019. Zuvor wirtschaftspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, gab ihr Mandat zum Amtsantritt ab.
Stefan Kapferer Hauptgeschäftsführer BDEW 2016–2019. Zuvor Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium (2009–2011) und im Bundeswirtschaftsministerium (2011–2014).

EXTRAPOLATION Zwei aufeinanderfolgende Verbandsspitzen kommen direkt aus Regierungsämtern bzw. Parteifunktionen — dasselbe Muster wie das in Teil 1 beschriebene US-Phänomen, nur dass der Wechsel hier über Parteikarriere statt über die Exekutive läuft. Ob das strukturellen Einfluss auf einzelne Gesetzgebungsverfahren hatte, ist im Einzelfall nicht belegt, aber die personelle Nähe selbst ist dokumentiert.

Zwischenstand: Gleicher Mechanismus, anderer Kanal

USADeutschland
ZahlungsrichtungKonzern → Politik (Lobbying)Staat → Konzern (Entschädigung)
HauptmechanismusPersonalbesetzung RegierungVerhandlungslösung + Verbandsspitzen
TransparenzLobbyregister (Senate LDA)Lobbyregister Bundestag + EU-Formel z. T. Verschlusssache

Offene Fragen: Warum wurde die Berechnungsformel für die Kohle-Entschädigung zunächst als Verschlusssache eingestuft, wenn die Zahlung ohnehin öffentlich bekannt war? Und: Wenn zwei unabhängige Institute (Öko-Institut, Ember) unabhängig voneinander zu einer massiven Überzahlung kommen — warum hat sich an der verhandelten Summe nichts geändert?

Serie: Wessen Lobby gewinnt?
← Teil 1: USA
→ Teil 2: Deutschland (dieser Artikel)
Teil 3: Die Architekten — Graichen, Habeck, Ukraine-Kontrast →
Impressum · Datenschutz