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Wer zahlt wie lange? Der europäische Ländervergleich

Die These klingt eingängig: Deutschland alimentiere Menschen ohne Papiere so großzügig wie kein anderes Land — deshalb der Zulauf. Ein Blick auf Dänemark, die Niederlande, die Schweiz und Frankreich zeigt ein deutlich komplexeres Bild.

Die offizielle Erzählung

Konservative Politiker haben die These in den letzten Jahren wiederholt in die Debatte gebracht: Deutschland sei auch deshalb ein "Magnet" für irreguläre Migration, weil hier besser gezahlt werde als in jedem anderen EU-Land. Die Zahlen für die Zeit des laufenden Asylverfahrens stützen das zunächst: Ein Bericht der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags zeigt, dass Deutschland und Österreich mit über 400 Euro pro Monat an der Spitze liegen, deutlich vor Großbritannien (~210 Euro), Schweden (~180 Euro), Griechenland (~150 Euro) und Ungarn (~60 Euro).

Wer aber nur diese eine Zahl liest, sieht nicht, was nach einer Ablehnung passiert — und genau dort liegt die eigentliche Frage bei Menschen ohne Papiere.

Factbox — Status nach Ablehnung des Asylantrags

LandRegelung nach AblehnungKernmechanismus
DeutschlandGrundleistungen weiter, nach 36 Monaten Analogleistungen (Sozialhilfe-Niveau)Kürzung auf ca. 180 € nur bei nachgewiesener Verschleierung der Identität (§1a AsylbLG)
SchweizNur noch Nothilfe, meist Sachleistung, bar ca. 8–10 CHF/TagKein Aufstieg zu Sozialhilfe-Niveau, dauerhaft Existenzminimum
DänemarkBei kostenloser Verpflegung in der Unterkunft keine weiteren GeldleistungenAbschiebezentren (z. B. Sjælsmark), politisches Ziel "null Asylbewerber"
Niederlande"Bett-Bad-Brot" auf 6 Großstädte reduziert, max. 2 Wochen, nur bei Ausreise-KooperationStaatliche Finanzierung 2024/25 eingestellt, Städte zahlen z. T. selbst weiter
FrankreichFinanzhilfe endet 1 Monat nach Ablehnung vollständigNur reduzierte Gesundheitskarte (AME) bei Bedürftigkeit bleibt
GriechenlandFaktisch keine staatliche Unterstützung, außer bei akuter LebensgefahrGroße informelle Versorgungslücke
ÖsterreichGrundversorgung läuft bis zur Ausreise weiterAusdrücklich nur "elementare Grundbedürfnisse", keine Sozialleistung

Dänemark: Der Staat schaltet den Rechtsweg selbst aus

Dänemark ist der schärfste Kontrast zur deutschen Praxis — und das unter einer sozialdemokratischen Regierung, nicht unter einer rechtskonservativen. Ministerpräsidentin Mette Frederiksen verfolgt seit 2021 das erklärte Ziel "null Asylbewerber". Wer abgelehnt wird, landet in Ausreisezentren wie Sjælsmark, deren Bedingungen das Anti-Folter-Komitee des Europarats als "nicht für Menschen geeignet" kritisierte.

"Wir handeln unkonventionell, indem wir bei Abschiebungsfällen nicht auf Gerichtsentscheidungen warten." — Mette Frederiksen, dänische Ministerpräsidentin

Dieser Satz ist der eigentliche Kern des Unterschieds zu Deutschland: Nicht die Höhe der Leistungen entscheidet, sondern ob der Staat bereit ist, den eigenen Rechtsweg politisch zur Seite zu drängen.

Was Dänemark konkret anders macht

Ausreisezentren fernab der Städte, verschärfte Einbürgerungshürden (Sprach- und Staatsbürgerschaftstest), keine freiwillige Aufnahme von Asylbewerbern zur Entlastung anderer EU-Staaten, und ein Familiennachzug, der deutlich restriktiver gehandhabt wird als in Deutschland.

Niederlande und Schweiz: Regierung setzt sich durch, Gerichte bleiben aktiv

Anders als Dänemark respektieren die Niederlande den Rechtsweg — ein Gericht erklärte dort Zurückweisungen an der Grenze für rechtswidrig. Trotzdem hat die Regierung die "Bett-Bad-Brot"-Notversorgung für abgelehnte Asylbewerber seit 2024/25 auf sechs Großstädte reduziert und die Bundesfinanzierung eingestellt. Der politische Wille setzte sich durch, ohne den Rechtsstaat auszuhebeln.

Die Schweiz wiederum kennt gar keinen automatischen Aufstieg zu regulären Sozialleistungen: Wer eine rechtskräftige Wegweisung hat, bleibt dauerhaft bei der Nothilfe — im Unterschied zu Deutschland, wo nach 36 Monaten grundsätzlich Analogleistungen auf Sozialhilfe-Niveau greifen.

Die strukturelle Frage: NGOs und der doppelte Kanal in Deutschland

Der eigentliche Unterschied zu Deutschland liegt nicht primär in Beträgen, sondern in der Zahl der verfügbaren Kanäle, über die eine Abschiebung verzögert oder verhindert werden kann. In Deutschland existieren zwei parallele Kanäle:

Dänemark hat den ersten Kanal politisch geschwächt, indem die Regierung erklärt, Gerichtsentscheidungen nicht abzuwarten. Einen kirchlichen Kanal in vergleichbarer Größenordnung gibt es dort nicht. Die Niederlande respektieren den Rechtsweg, aber die Regierungsmehrheit hat den politischen Willen durchgesetzt, die Leistungen trotzdem zu kürzen.

Factbox — Verzögerungskanäle im Vergleich

LandRechtsweg wirksam?Kirchenasyl-Kanal?
DeutschlandJa, etabliert (Pro Asyl, GFF)Ja, ca. 2.400 Fälle/Jahr (BAMF 2024)
NiederlandeJa, Gerichte greifen einKein vergleichbares Volumen
DänemarkPolitisch aktiv umgangenKein vergleichbarer Kanal
SchweizEingeschränkt (kantonal, Nothilfe bleibt hart)Kein vergleichbares Volumen

Fairnessbox

Timeline — Verschärfungen in Europa

2019Dänemark: "Paradigmenwechsel-Gesetz" verschärft Asylrecht grundlegend
2021Dänemark: Regierung Frederiksen erklärt Ziel "null Asylbewerber"
2024Niederlande: Bundesfinanzierung der "Bett-Bad-Brot"-Regelung eingestellt
2024Deutschland: Kirchenasyl-Fälle steigen auf neuen Höchststand (2.386)
2025Deutschland: Rückführungsgesetz erlaubt Abschiebung gut integrierter, nicht vorbestrafter Geduldeter
2026Dänemark: Ministerpräsidentin bestätigt, Gerichtsentscheidungen bei Abschiebungen nicht abzuwarten

Fazit

Die Behauptung, Deutschland stehe europaweit einzigartig da, hält der Prüfung nicht stand. Bei den laufenden Verfahrensleistungen liegt Deutschland tatsächlich an der Spitze — das ist belegbar. Nach einer Ablehnung ist Deutschland aber eher Mittelmaß: Dänemark, die Schweiz und mittlerweile auch die Niederlande sind strenger, Frankreich schneidet härter. Der eigentliche strukturelle Unterschied liegt nicht in der Höhe der Beträge, sondern darin, dass Deutschland als einziges der geprüften Länder zwei parallele Verzögerungskanäle offenhält: den Rechtsweg und das Kirchenasyl. Dänemark hat den ersten politisch geschwächt, einen zweiten kennt es gar nicht. Das ist die Stellschraube, an der eine faktenbasierte Debatte ansetzen müsste — nicht an unterstellten Absichten von Kirchen oder NGOs.

Quellen

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