Im ersten Teil dieser Serie haben wir gezeigt, wie Reisen systematisch verteuert, reguliert und überwacht wird — für normale Bürgerinnen und Bürger. Es gibt eine Ausnahme. Eine Klasse von Menschen, für die diese Regeln nicht gelten. Sie nennen sich Weltverbesserer. Sie fliegen mit dem Privatjet.

Wer in Barcelona Urlaub machen will, zahlt ab 2026 bis zu 15 Euro Touristensteuer pro Nacht. Wer nach Venedig tagesreist, löst ein Ticket. Wer aus einem visumfreien Land nach Europa kommt, wird biometrisch registriert und gespeichert. Und bald braucht er eine vorab genehmigte Reisegenehmigung — ähnlich wie in autoritären Staaten.

Und dann ist da Davos.

Davos: Die Privatjet-Wallfahrt der Klimaretter

Jedes Jahr im Januar versammeln sich im Schweizer Wintersportort Davos etwa 3.000 Teilnehmer zum Weltwirtschaftsforum. Die offiziellen Themen: Klimawandel, globale Ungleichheit, nachhaltige Entwicklung. Der WEF-Risikobericht erklärt den Klimawandel regelmäßig zur größten Bedrohung der Weltwirtschaft.

Der Anreiseweg der Teilnehmer erzählt eine andere Geschichte.

709
Extra-Privatjet-Flüge in der WEF-Woche 2025 (Greenpeace-Analyse)
+10%
Mehr Privatflüge als beim WEF 2024 — trotz gleicher Teilnehmerzahl
Mehr Privatjets als beim WEF 2023 — Verdreifachung in zwei Jahren
42 t
CO₂ eines einzigen Privatjets Saudi-Arabien–Davos — wie 7 Europäer in einem Jahr

Knapp ein Privatjet pro vier Teilnehmer. Während normal Sterbliche über den Klimawandel informiert werden, über CO₂-Steuern, Flugscham und Verzicht — reisen die, die diese Botschaften verkünden, im teuersten und klimaschädlichsten Verkehrsmittel der Welt.

„Das Weltwirtschaftsforum will Antworten auf globale Probleme finden, aber die Reichen und Mächtigen befeuern mit ihren Luxusemissionen die Klimakrise."
— Greenpeace-Sprecherin Lena Donat, Januar 2026

70 Prozent der Privatjet-Strecken in Davos könnten laut Greenpeace problemlos mit dem Zug zurückgelegt werden. Wer das tatsächlich tut? Die Aktivisten. Nicht die Entscheider.

COP29: Im Privatjet zur Klimakonferenz

Davos ist kein Einzelfall. Im November 2024 fand in Baku, Aserbaidschan, die 29. UN-Klimakonferenz statt — COP29. Rund 40.000 Teilnehmer. Zwei Wochen Verhandlungen. Das Ergebnis: ernüchternd wenig. Der Weg dorthin: erhellend viel.

In der Woche der Konferenzeröffnung landeten laut Flugtracking-Daten von FlightRadar24 allein 65 Privatjets in Baku — doppelt so viele wie in der gleichen Woche des Vorjahres. 45 davon kamen am Eröffnungswochenende an. Beim COP28 in Dubai waren es 644 Privatflüge gewesen, mit rund 4.800 Tonnen CO₂.

Protokollnotiz der Weltgeschichte

Auf der Klimakonferenz in Baku — einem Ölstaat — verhandelten über 1.700 Lobbyisten fossiler Brennstoffindustrien über die Zukunft des Klimas. Reingekommen sind sie per Privatjet. Beschlossen wurde: weniger als erhofft. CO₂ eingespart: nichts.

Für normale Konferenzteilnehmer bedeutete die Anreise nach Aserbaidschan Visumantrag, Flug, Kontrolle, Registrierung. Für die obere Klasse: eine Privatmaschine, ein VIP-Terminal, direkter Transfer. Kein EES, kein Fingerabdruck, kein Biometrie-Scan.

Die Zahlen der Milliardäre: Was sie wirklich ausstoßen

Wer redet, muss sich messen lassen. Hier sind die Zahlen — nicht Meinungen, sondern Oxfam-Studien, Wissenschaftsanalysen, öffentlich verfügbare Daten.

CO₂-Fußabdruck der Superreichen — belegte Zahlen

Das sind die Zahlen. Und jetzt die Frage, die niemand laut stellt: Wer zahlt Touristensteuer in Barcelona? Wer wird biometrisch an der EU-Außengrenze erfasst? Wer braucht bald eine ETIAS-Genehmigung, um nach Europa einzureisen?

Nicht die Jachtbesitzer.

Zwei Welten — eine Reisefreiheit

Für die Auserwählten

  • VIP-Terminal, kein Stempel
  • 709 Privatjets pro WEF-Woche — Tendenz steigend
  • Keine biometrische Erfassung im eigenen Flieger
  • Keine Wartezeit, keine Genehmigung
  • 42 Tonnen CO₂ per Einzelflug — kein Problem
  • Weltweit willkommen: mit Privatmaschine kommt man überall rein
  • "Klimaschutz ist unsere Mission" — Botschaft an alle anderen

Das Muster hat einen Namen: Kastenprivileg

Es gibt einen Begriff für Gesellschaften, in denen eine Gruppe Regeln aufstellt, die für sie selbst nicht gelten. Die Geschichte kennt viele davon. Was sie eint: Sie nennen ihre Privilegien immer Notwendigkeit. Die Einschränkungen der anderen immer Gemeinwohl.

Der Privatjet nach Davos ist "notwendig für den Zeitplan eines Weltführers". Die Touristensteuer in Barcelona ist "notwendig für die Bewohner der Stadt". Das EES ist "notwendig für die Sicherheit Europas". Und der CO₂-Fußabdruck eines Milliardärs? "Wird durch Investitionen in grüne Technologien kompensiert."

Ein einziger Privatjet-Flug von Saudi-Arabien nach Davos verursacht über 42 Tonnen CO₂ — so viel wie sieben Europäer in einem ganzen Jahr. Gleichzeitig wird der Europäer gebeten, seltener zu fliegen, weniger Fleisch zu essen und sich biometrisch registrieren zu lassen.

Das ist nicht Heuchelei als Persönlichkeitsfehler. Es ist Heuchelei als Systemfunktion. Die Moral gilt nach unten. Die Freiheit nach oben.

Was bleibt, ist die Frage, die dieser Text nicht beantworten kann — aber stellen muss: Wenn Reisen eingeschränkt, verteuert und überwacht wird — wessen Reisen genau? Und wessen Reisen genau nicht?

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