Im ersten Teil dieser Serie haben wir gezeigt, wie Reisen systematisch verteuert, reguliert und überwacht wird — für normale Bürgerinnen und Bürger. Es gibt eine Ausnahme. Eine Klasse von Menschen, für die diese Regeln nicht gelten. Sie nennen sich Weltverbesserer. Sie fliegen mit dem Privatjet.
Wer in Barcelona Urlaub machen will, zahlt ab 2026 bis zu 15 Euro Touristensteuer pro Nacht. Wer nach Venedig tagesreist, löst ein Ticket. Wer aus einem visumfreien Land nach Europa kommt, wird biometrisch registriert und gespeichert. Und bald braucht er eine vorab genehmigte Reisegenehmigung — ähnlich wie in autoritären Staaten.
Und dann ist da Davos.
Davos: Die Privatjet-Wallfahrt der Klimaretter
Jedes Jahr im Januar versammeln sich im Schweizer Wintersportort Davos etwa 3.000 Teilnehmer zum Weltwirtschaftsforum. Die offiziellen Themen: Klimawandel, globale Ungleichheit, nachhaltige Entwicklung. Der WEF-Risikobericht erklärt den Klimawandel regelmäßig zur größten Bedrohung der Weltwirtschaft.
Der Anreiseweg der Teilnehmer erzählt eine andere Geschichte.
Knapp ein Privatjet pro vier Teilnehmer. Während normal Sterbliche über den Klimawandel informiert werden, über CO₂-Steuern, Flugscham und Verzicht — reisen die, die diese Botschaften verkünden, im teuersten und klimaschädlichsten Verkehrsmittel der Welt.
— Greenpeace-Sprecherin Lena Donat, Januar 2026
70 Prozent der Privatjet-Strecken in Davos könnten laut Greenpeace problemlos mit dem Zug zurückgelegt werden. Wer das tatsächlich tut? Die Aktivisten. Nicht die Entscheider.
COP29: Im Privatjet zur Klimakonferenz
Davos ist kein Einzelfall. Im November 2024 fand in Baku, Aserbaidschan, die 29. UN-Klimakonferenz statt — COP29. Rund 40.000 Teilnehmer. Zwei Wochen Verhandlungen. Das Ergebnis: ernüchternd wenig. Der Weg dorthin: erhellend viel.
In der Woche der Konferenzeröffnung landeten laut Flugtracking-Daten von FlightRadar24 allein 65 Privatjets in Baku — doppelt so viele wie in der gleichen Woche des Vorjahres. 45 davon kamen am Eröffnungswochenende an. Beim COP28 in Dubai waren es 644 Privatflüge gewesen, mit rund 4.800 Tonnen CO₂.
Auf der Klimakonferenz in Baku — einem Ölstaat — verhandelten über 1.700 Lobbyisten fossiler Brennstoffindustrien über die Zukunft des Klimas. Reingekommen sind sie per Privatjet. Beschlossen wurde: weniger als erhofft. CO₂ eingespart: nichts.
Für normale Konferenzteilnehmer bedeutete die Anreise nach Aserbaidschan Visumantrag, Flug, Kontrolle, Registrierung. Für die obere Klasse: eine Privatmaschine, ein VIP-Terminal, direkter Transfer. Kein EES, kein Fingerabdruck, kein Biometrie-Scan.
Die Zahlen der Milliardäre: Was sie wirklich ausstoßen
Wer redet, muss sich messen lassen. Hier sind die Zahlen — nicht Meinungen, sondern Oxfam-Studien, Wissenschaftsanalysen, öffentlich verfügbare Daten.
CO₂-Fußabdruck der Superreichen — belegte Zahlen
- Die 50 reichsten Milliardäre der Welt stoßen in 90 Minuten mehr CO₂ aus, als ein durchschnittlicher Mensch in seinem gesamten Leben — laut Oxfam
- Eine Superjacht (mit ständiger Crew auf Abruf) verursacht rund 7.000 Tonnen CO₂ pro Jahr — 860-mal so viel wie der weltweite Pro-Kopf-Durchschnitt
- Elon Musks Privatjets stoßen in einem Jahr so viel CO₂ aus wie ein Normalbürger in 834 Jahren
- Bill Gates hat trotz fehlender Jacht einen CO₂-Fußabdruck, der 3.000-mal größer ist als der eines Weltbürgers — vor allem durch Privatjets und Hubschrauber
- Mark Zuckerberg besitzt für seine Hauptjacht ein eigenes Versorgungsschiff
- Die Walton-Familie (Walmart-Erben) reiste mit drei Jachten 56.000 Seemeilen — entspricht 18.000 Tonnen CO₂, so viel wie 1.714 ihrer gering bezahlten Mitarbeiter im ganzen Jahr
Das sind die Zahlen. Und jetzt die Frage, die niemand laut stellt: Wer zahlt Touristensteuer in Barcelona? Wer wird biometrisch an der EU-Außengrenze erfasst? Wer braucht bald eine ETIAS-Genehmigung, um nach Europa einzureisen?
Nicht die Jachtbesitzer.
Zwei Welten — eine Reisefreiheit
Für normale Bürger
- Touristensteuer: bis 15 €/Nacht
- Venedig-Eintritt: 5–10 €
- Biometrische EES-Erfassung an EU-Grenzen (seit April 2026)
- ETIAS-Genehmigung ab Ende 2026 (für 59 Länder)
- Flugsteuer, CO₂-Aufschläge
- Einreiseverbote (USA: 39 Länder betroffen)
- "Fliegen ist Klimasünde" — Appelle an den Normalbürger
Für die Auserwählten
- VIP-Terminal, kein Stempel
- 709 Privatjets pro WEF-Woche — Tendenz steigend
- Keine biometrische Erfassung im eigenen Flieger
- Keine Wartezeit, keine Genehmigung
- 42 Tonnen CO₂ per Einzelflug — kein Problem
- Weltweit willkommen: mit Privatmaschine kommt man überall rein
- "Klimaschutz ist unsere Mission" — Botschaft an alle anderen
Das Muster hat einen Namen: Kastenprivileg
Es gibt einen Begriff für Gesellschaften, in denen eine Gruppe Regeln aufstellt, die für sie selbst nicht gelten. Die Geschichte kennt viele davon. Was sie eint: Sie nennen ihre Privilegien immer Notwendigkeit. Die Einschränkungen der anderen immer Gemeinwohl.
Der Privatjet nach Davos ist "notwendig für den Zeitplan eines Weltführers". Die Touristensteuer in Barcelona ist "notwendig für die Bewohner der Stadt". Das EES ist "notwendig für die Sicherheit Europas". Und der CO₂-Fußabdruck eines Milliardärs? "Wird durch Investitionen in grüne Technologien kompensiert."
Das ist nicht Heuchelei als Persönlichkeitsfehler. Es ist Heuchelei als Systemfunktion. Die Moral gilt nach unten. Die Freiheit nach oben.
Was bleibt, ist die Frage, die dieser Text nicht beantworten kann — aber stellen muss: Wenn Reisen eingeschränkt, verteuert und überwacht wird — wessen Reisen genau? Und wessen Reisen genau nicht?
Wer Regeln macht, die für ihn selbst nicht gelten, hat nicht regiert — er hat sich Macht genommen. Das zu benennen ist keine Verschwörungstheorie. Es ist Grundrechenart der Demokratie. Und der erste Schritt zum Kurswechsel.
Quellen & Belege
- Greenpeace Österreich: Analyse Privatjet-Flüge WEF Davos 2025 — 709 Extra-Flüge, +10% vs. 2024, ×3 vs. 2023 (greenpeace.at, Januar 2026)
- Greenpeace-Sprecherin Lena Donat, Zitat WEF-Kritik (wiwo.de, stuttgarter-zeitung.de, Januar 2026)
- Euronews: Privatjet-Flüge COP29 Baku — 65 Jets in Eröffnungswoche, doppelt so viele wie Vorjahr (euronews.com, November 2024)
- Oxfam Deutschland: Milliardärs-CO₂-Studie — 90-Minuten-Vergleich, Investitions-Emissionen (oxfam.de)
- Oxfam/Taz: Superjacht ø 5.672 t CO₂/Jahr, 860× Weltdurchschnitt (taz.de, Oktober 2024)
- t-online.de: Elon Musks Privatjets = 834 Normalbürger-Jahre CO₂ (November 2025)
- Kontrast.at / Wilk & Barros (Studie): Bill Gates CO₂-Fußabdruck 3.000× Weltdurchschnitt
- Klimahamster.de: Oxfam-Daten zur Emissionsverteilung Superreiche (März 2025)
- bpb.de: COP29 Baku — 40.000 Teilnehmer, 1.700 Fossil-Lobbyisten, Ergebnis ernüchternd (November 2024)