Seit 2009 versprechen die Industrieländer den Entwicklungs- und Schwellenländern jährlich Milliardensummen für Klimaschutz und -anpassung. Die Zielsumme ist seither mehrfach gestiegen. Was in der öffentlichen Debatte als klare Zahl erscheint, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein System, in dem Zuschüsse, Kredite, private Investitionen und bereits bestehende Entwicklungsgelder in einer einzigen Summe zusammengerechnet werden. BELEGT
Das ursprüngliche 100-Milliarden-Versprechen blieb bewusst vage formuliert. Die Industrieländer nutzen seither eine großzügige Auslegung: Angerechnet werden nicht nur klassische Entwicklungshilfe-Zuschüsse, sondern auch Darlehen, Beteiligungen, revolvierende Kreditlinien, Public-Private-Partnerships und teilweise sogar Exportkreditgarantien. Auch von Staaten "mobilisierte" private Investitionen zählen zum offiziellen Ziel.
Eine aktuelle Oxfam-Analyse legt offen, warum das die Bilanz angreifbar macht: Es bleibt unklar, wie viel der gemeldeten Summen tatsächlich zusätzliche Unterstützung darstellt — und wie viel aus bereits bestehenden Entwicklungsetats stammt, die lediglich umetikettiert wurden. Bei Krediten kommt hinzu: Ein Teil der gemeldeten Beträge muss von den Empfängerländern später zurückgezahlt werden.
"Wird Klimafinanzierung als echte Unterstützung verstanden oder als ein System, in dem Kredite, private Investitionen und umetikettierte Entwicklungsgelder zu einer großen politischen Zahl zusammengerechnet werden?" — FAIReconomics, zur Oxfam-Analyse
Bis heute existiert keine verbindliche Aufteilung, welches Industrieland welchen Anteil der Klimafinanzierung trägt. Man verließ sich von Anfang an auf freiwillige Zusagen — was es im Nachhinein schwer macht, einzelne Staaten zur Rechenschaft zu ziehen. Das britische Overseas Development Institute (ODI) hat versucht, anhand von Bruttonationaleinkommen, kumulierten CO2-Emissionen und Einwohnerzahl einen "fairen" Anteil pro Land zu berechnen — ein Ansatz, der nicht bindend ist.
Besonders kritisch bewertet die Fachliteratur den geringen Anteil der Mittel, der tatsächlich in Anpassungsmaßnahmen fließt — also in konkreten Schutz vor Überschwemmungen, Hitze, Dürre und Extremwetter in den Empfängerländern, statt in Emissionsminderung. Für viele Länder des Globalen Südens ist das keine statistische Frage, sondern eine Überlebensfrage. OFFEN — belastbare, einheitlich erhobene Zahlen zum genauen Anpassungs-Anteil liegen nicht einheitlich vor.
Wie viel der gemeldeten 137 Milliarden US-Dollar für 2024 war tatsächlich zusätzliches Geld — und wie viel bereits eingeplante Entwicklungshilfe, die nur neu deklariert wurde?
Welcher Anteil der als "Klimafinanzierung" gezählten Kredite muss von den Empfängerländern zurückgezahlt werden, und zu welchen Konditionen?
Warum gibt es 15 Jahre nach dem ursprünglichen Versprechen noch immer keine verbindliche, überprüfbare Aufteilung der Lasten zwischen den Industrieländern?
Wer profitiert konkret von den Verwaltungs-, Berater- und Fondsstrukturen, über die diese Summen abgewickelt werden?