Zwei Kontinente, ein Muster: Wie KI-Regeln leise entkernt werden
Während die öffentliche Debatte um Künstliche Intelligenz von Weltuntergangsszenarien, einer möglichen Finanzblase und dem Wettlauf mit China dominiert wird, läuft im Hintergrund ein wesentlich stiller, aber besser dokumentierter Vorgang: Auf beiden Seiten des Atlantiks werden im selben Zeitfenster gerade erst erkämpfte KI-Schutzregeln verzögert, verwässert oder ganz ausgehebelt — mit derselben Begründung: Vereinfachung, Wettbewerbsfähigkeit, nationale Einheitlichkeit.
Zwei hart erkämpfte Kompromisse
Der EU AI Act trat im August 2024 in Kraft und wurde weltweit als erstes umfassendes KI-Gesetz gefeiert — Ergebnis jahrelanger Verhandlungen zwischen Parlament, Rat und Kommission, mit gestaffeltem Zeitplan: Verbotene Praktiken und KI-Kompetenzpflichten ab Februar 2025, Governance-Regeln für General-Purpose-AI-Modelle ab August 2025, Hochrisiko-Pflichten ursprünglich ab 2. August 2026.
Der Rückbau — auf beiden Seiten, fast zeitgleich
1. USA: Präemption per Gesetzesanlauf, Exekutivorder und Klage
Im Juli 2025 versuchte Senator Ted Cruz, während der Verhandlungen zum großen Haushaltspaket ein zehnjähriges Moratorium für bundesstaatliche KI-Gesetze durchzusetzen. Die Klausel fiel im Senat mit 99 zu 1 Stimmen heraus — ein seltener parteiübergreifender Konsens gegen die Idee.
Das Justizministerium sollte laut Berichten eine „KI-Litigation Task Force" aufbauen, die gezielt Landesgesetze wie den Colorado AI Act rechtlich angreift.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Politische Ausgaben von Big-Tech-Führungskräften, Konzernen und Investoren (Wahlzyklus 2024 + 2025) | ≥ 1,1 Mrd. USD |
| Föderale Lobbyisten, die 2025 zu KI-Themen arbeiteten | 3.570 (26 % aller registrierten Lobbyisten) |
| Anstieg der KI-Lobbyisten seit 2022 | +168 % |
| Föderale Lobbyausgaben des Tech-Sektors (erste 3 Quartale 2025) | 314 Mio. USD |
Quelle: Public Citizen, Recherchebericht „Generative Influence" / „Robo-Trump" (2025/2026)
2. EU: Verzögerung per „Vereinfachung"
Offizielle Begründung: fehlende harmonisierte technische Normen und Prüfstellen — ein Punkt, der sachlich zutrifft, da die CEN-CENELEC-Normungsarbeit tatsächlich Jahre hinter dem ursprünglichen Zeitplan liegt.
3. Der OpenAI-Sonderfall: Größe als Auslöser — und als Schutzschild
Beide Regelwerke sind bewusst als Schwellenwert-Systeme konstruiert: Wer groß genug ist, bekommt automatisch mehr Pflichten.
Zwei Spielzüge, ein Zeitfenster
Auffällig ist nicht der jeweilige Vorgang für sich — Lobbying, Gesetzgebungsverfahren und Verzögerungen sind Alltag demokratischer Prozesse. Auffällig ist die Gleichzeitigkeit: Beide Rückbauten laufen im selben Zeitfenster (November 2025 bis August 2026) wie die lauteste öffentliche KI-Debatte des Jahres — Doom-Warnungen von Tech-Konzernen, Bubble-Diskussion um zirkuläre Milliardendeals, Wettlauf-Rhetorik gegenüber China (siehe Teil 1 dieser Recherche). Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit bindet sich an Zukunftsszenarien, während die strukturell wirksamste Regulierungsebene — die Bundesstaaten in den USA, die konkreten Transparenzpflichten in der EU — im selben Moment verhandelt wird.
In beiden Fällen wird dieselbe Sprache benutzt: „Vereinfachung", „Einheitlichkeit", „Wettbewerbsfähigkeit". In beiden Fällen ist der dokumentierte Effekt derselbe: weniger Transparenzpflicht, mehr Zeit für die Marktführer, weniger Handlungsspielraum für die Ebene, die bisher am schnellsten reagiert hat.
- Wir behaupten keine Absprache oder Koordination zwischen US-amerikanischen und europäischen Akteuren. Die Gleichzeitigkeit ist dokumentiert, ein kausaler oder kommunikativer Zusammenhang nicht.
- Wir bewerten nicht die Motive einzelner Politiker (Cruz, Merz oder andere) über die dokumentierten Handlungen und Lobbykontakte hinaus.
- Wir treffen kein abschließendes Urteil darüber, ob die Verzögerung des AI Acts sachlich gerechtfertigt war — das Argument fehlender harmonisierter Normen ist technisch zutreffend und wird von Kritikern nicht bestritten, nur die Nutzung des Zeitfensters.
- Wir behaupten nicht, dass OpenAI regulatorisch bevorzugt wird — im Gegenteil ist die Konzern-Größe der direkte Auslöser zusätzlicher Pflichten. Wir dokumentieren lediglich, dass die Kostenverteilung dieser Pflichten umstritten ist.
Quellenverzeichnis
- European Parliament Think Tank: „Digital Omnibus on AI" (2026), europarl.europa.eu
- Europäische Kommission: „High-level summary of the AI Act", artificialintelligenceact.eu / digital-strategy.ec.europa.eu
- DLA Piper GENIE: „The Digital AI Omnibus: Proposed deferral of high risk AI obligations" (2026)
- OpenAI: „A Primer on the EU AI Act" (Global Affairs, openai.com)
- Verfassungsblog: „Searching for Answers — Why the EU Commission Should Designate Chatbots as Search Engines under the DSA" (2026)
- Public Citizen: „Generative Influence" (2026) und „Robo-Trump: Big Tech's Big Spending and the Republican Effort to Delete State Laws Against AI Harms" (2025/2026), citizen.org
- ECNL: „A rollback of AI safeguards before they even apply" (Juni 2026)
- Liberties.eu: „Digital Omnibus Moves Forward, Trampling Fundamental Rights" (Mai 2026)
- GovFacts: „Big Tech's Push to Stop States From Regulating AI"
- The Good Lobby: „Europe's AI Act Got Stuck Again"
- Jacques Delors Centre — Lobbytreffen-Auswertung, zitiert nach Center for Cyber Diplomacy and International Security (2026)
- readsludge.com: „AI Boom on K Street: One in Four Lobbyists Now Work on AI" (2026)
- Forbes: „'A Black Box' — AI Targets Washington's $5 Billion Lobbying Machine" (2026)
- The European Post: „Digital Omnibus Enters Into Force and Delays EU AI Act Rules" (Juli 2026)