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Blowback: Wie Israel Hamas' Vorläufer förderte

Ehemalige israelische Regierungsbeamte und Militärgouverneure haben öffentlich eingeräumt, den Islamistenprediger Ahmed Yassin in den 1970er/80er-Jahren als Gegengewicht zur PLO gestärkt zu haben.

BELEGT Nach der israelischen Eroberung des Gazastreifens 1967 duldete und förderte die israelische Militär- und Zivilverwaltung den Prediger Scheich Ahmed Yassin und sein 1973 gegründetes Wohltätigkeitsnetzwerk Mujama al-Islamiya — den direkten organisatorischen Vorläufer der 1987 gegründeten Hamas.

Wichtige Präzisierung vorab: Die dokumentierten Akteure waren israelische Militärgouverneure und Zivilverwaltung in Gaza — nicht der Auslandsgeheimdienst Mossad. Die populäre Verkürzung auf "der Mossad steckte dahinter" ist historisch ungenau; die eigentliche Entscheidungsebene lag bei der Besatzungsverwaltung.

1. Die Ausgangslage 1967: Ein neuer Besatzer, ein altes Kalkül

BELEGT Vor 1967 hatte Ägypten als Verwalter Gazas die Muslimbruderschaft hart unterdrückt. Nach der israelischen Eroberung im Sechstagekrieg lockerte die neue Verwaltung diese Restriktionen gegenüber islamistischen Aktivisten — während sie gleichzeitig PLO-nahe Fraktionen konsequent verfolgte.

Quelle Wikipedia, Artikel "History of Hamas": "Israel tolerated and at times encouraged Islamic activists and groups as a counterweight to the secular nationalists of the PLO... Israel hunted down secular Palestine Liberation Organization factions, but dropped the previous Egyptian rulers' harsh restrictions against Islamic activists."

2. Der Aufbau: Mujama al-Islamiya erhält offiziellen Status

BELEGT Yassin gründete 1973 die Mujama al-Islamiya — ein Netzwerk aus Moscheen, Kliniken, Kindergärten und Armenspeisungen. 1979 erkannte Israel die Organisation offiziell als Wohltätigkeitsverein an. Israel unterstützte zudem den Aufbau der Islamischen Universität Gaza (1978), die später zur Kaderschmiede islamistischer Aktivisten wurde.

"By the late 1970s, the Israelis believed that they had found Fatah's Achilles' heel... [they] made the ill-fated decision to permit the Brotherhood to operate with relatively little oversight."
Quelle Jonathan Schanzer (US-Nahost-Forscher), zitiert nach Wikipedia "Israeli support for Hamas". Brigadegeneral Yitzhak Segev, israelischer Militärgouverneur in Gaza in den frühen 1980ern, räumte gegenüber der New York Times ein, die islamistische Bewegung finanziell unterstützt zu haben: "The Israeli government gave me a budget, and the military government gives to the mosques."

3. Die Selbstkritik führender israelischer Beamter

BELEGT Mehrere ehemalige israelische Amtsträger haben die Strategie im Rückblick offen benannt und teils bereut:

Person / FunktionAussage
Avner Cohen, israelischer Beamter für religiöse Angelegenheiten in Gaza (2 Jahrzehnte)"Hamas, to my great regret, is Israel's creation." — warnte bereits Mitte der 1980er schriftlich vor der "Divide-and-Rule"-Strategie
Brig.-Gen. Yitzhak Segev, Militärgouverneur Gaza (frühe 1980er)Bestätigte gegenüber der NYT direkte Finanzierung der islamistischen Bewegung als Gegengewicht zur PLO
Efraim Sneh, Direktor der israelischen Zivilverwaltung1992: "We saw the fundamentalists mainly as an unthreatening social force"
David Hacham, Arabischer-Angelegenheiten-Experte, israel. Militär (späte 1980er/frühe 1990er)"When I look back at the chain of events, I think we made a mistake. But at the time, nobody thought about the possible results."
Jassir Arafat (PLO/Fatah)Interview mit Corriere della Sera (2001): bezeichnete Hamas als "Geschöpf Israels"
Quelle Alle Zitate dokumentiert und aggregiert in Wikipedia "Israeli support for Hamas" (mit Primärverweisen auf New York Times, Wall Street Journal); Avner Cohens Aussage ursprünglich im Wall Street Journal (2009).

4. Die Eskalation: Vom Wohlfahrtsnetzwerk zur bewaffneten Bewegung

BELEGT Bis zum Ausbruch der Ersten Intifada 1987 blieb Yassins Netzwerk überwiegend sozial-religiös organisiert, nicht militant. Auch nachdem sich daraus im Dezember 1987 die Hamas formierte und im August 1988 ihre Gründungscharta veröffentlichte — die den Kampf bis zur "Befreiung ganz Palästinas" festschreibt — griff Israel zunächst kaum direkt durch.

"Israeli authorities have taken no direct action against Hamas despite repeated crackdowns and roundups" [of PLO-affiliated groups].
Quelle John Kifner, New York Times, September 1988, zitiert nach Wikipedia "Israeli support for Hamas".

EXTRAPOLATION Israelisches Militär beobachtete Zusammenstöße zwischen Hamas-Vorläufern und PLO-nahen Gruppen zeitweise mit stillschweigendem Wohlwollen — im Kalkül, dass innerpalästinensische Spaltung die PLO schwäche. Brigadegeneral Shalom Harari, damals Militärgeheimdienstoffizier in Gaza, wird mit der Aussage zitiert, er habe bei einem gemeldeten Konflikt entschieden: "Wenn sie sich gegenseitig verbrennen wollen, lasst sie."

5. Was danach geschah

BELEGT Erst nachdem Hamas 1989 ihre ersten Anschläge verübte, wurde Yassin verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt (1989er Verfahren wegen Entführung/Tötung zweier israelischer Soldaten). Israel tötete Yassin 2004 bei einem gezielten Luftschlag — denselben Mann, den die eigene Verwaltung 25 Jahre zuvor gefördert hatte.

EXTRAPOLATION Das Muster einer bewussten Aufrechterhaltung der Spaltung zwischen Fatah/PA und Hamas wird auch für die Gegenwart diskutiert: Mehrere israelische Geheimdienstvertreter und Analysten (z. B. Ex-General Shlomo Brom) verweisen darauf, dass eine geschwächte, aber überlebende Hamas politisch nützlich sei, um Verhandlungen über einen palästinensischen Staat zu vermeiden — u. a. durch die 2010er/2020er-Duldung katarischer Zahlungen an Hamas über israelische Kontrollpunkte.

Zeitstrahl

Was offen bleibt

OFFEN Ob "Duldung/Förderung" mit "Gründung" gleichzusetzen ist, wird in der Forschung unterschiedlich bewertet. Kritiker der zugespitzten These (z. B. Israel Institute of NZ) betonen, die Muslimbruderschaft habe in Gaza bereits seit den 1950ern bestanden — unabhängig von Israel — und die israelische Toleranz sei ein Nebeneffekt der Besatzungspolitik gewesen, keine gezielte Gründungsstrategie. Beide Seiten stützen sich auf dieselben Primärzitate der beteiligten israelischen Beamten, gewichten deren Bedeutung aber unterschiedlich.

Wäre Hamas ohne die anfängliche Duldung durch die israelische Besatzungsverwaltung in dieser Form entstanden — und wiederholt sich dasselbe Kalkül heute in der Frage, wer von einer fortbestehenden Spaltung zwischen Fatah und Hamas politisch profitiert?

Quellenverzeichnis

Wikipedia, "Israeli support for Hamas" (Stand 2026, mit Primärverweisen auf NYT, WSJ) · Wikipedia, "History of Hamas" · Combating Terrorism Center, West Point: "Inside Hamas: How It Thinks, Fights, and Governs" · Mehdi Hasan / The Intercept (2018): "Blowback: How Israel Went From Helping Create Hamas to Bombing It" · Corriere della Sera, Dezember 2001, Interview mit Jassir Arafat · Wall Street Journal (2009), Interview mit Avner Cohen · New York Times, diverse Berichte 1988–2009 zu Segev, Hacham, Harari.

Teil der Recherchereihe zu geopolitischer Instrumentalisierung religiöser Bewegungen: siehe auch "Operation Ajax" (Iran, 1953) und "Operation Cyclone" (Afghanistan, 1979)
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