Kein Land dieser Serie wurde so oft neu erfunden wie der Irak unter Saddam Hussein. In den 1980ern ist er der vom Westen gestützte säkulare Schutzwall gegen das islamistische Khomeini-Regime im Iran. 1990/91 wird er mit einer frei erfundenen Gräuelgeschichte über tote Säuglinge zum Kriegsgrund. 2003 wird er ein zweites Mal gestürzt — diesmal mit einer ebenso haltlosen Behauptung: einer angeblichen Verbindung zu al-Qaida, der Terrororganisation, die er selbst intern bekämpfte. Zwei Kriege, zwei Lügen, ein Muster.
Nach der iranischen Revolution 1979 wird Saddam Husseins säkulares Baath-Regime für Washington zum bevorzugten Instrument gegen den islamistischen Gottesstaat in Teheran. BELEGT US-Geheimdienstinformationen halfen Saddams Baath-Partei bereits 1963 erstmals an die Macht; Hinweise deuten darauf hin, dass Saddam bereits 1959 auf der Gehaltsliste der CIA stand. Die Beziehung war also älter als der Krieg gegen Iran — aber erst dieser Krieg macht sie strategisch.
BELEGT Am 26. November 1983 unterzeichnet Reagan die National Security Decision Directive 114: Diese Direktive änderte die US-Politik von neutralem Beobachter zu aktivem Lieferanten militärischer Versorgung, Gefechtsfeld-Aufklärung und, am umstrittensten, jener Dual-Use-Technologie, die es Saddam erlaubte, Massenvernichtungswaffen herzustellen. Wenige Wochen später, am 20. Dezember 1983, reist Reagans Sondergesandter für den Nahen Osten nach Bagdad und schüttelt Saddam Hussein die Hand: Donald Rumsfeld.
BELEGT Während seiner Zeit als Reagans Sondergesandter für den Nahen Osten (November 1983 – Mai 1984) war Rumsfeld der zentrale Kanal für entscheidende amerikanische Militäraufklärung, Ausrüstung und strategische Beratung an Saddam Hussein, während der Irak gegen Iran Krieg führte. Zu einer Zeit, in der Washington bereits wusste, dass der Irak fast täglich Chemiewaffen gegen Iran einsetzte.
Manche Reagan-Beamte sahen in Saddam sogar ein Vorbild-Projekt. BELEGT Einige Reagan-Beamte sahen in Saddam einen weiteren Anwar Sadat, fähig, den Iran in einen modernen säkularen Staat zu verwandeln, so wie Sadat versucht hatte, Ägypten zu heben, bevor er 1981 ermordet wurde. Nach Rumsfelds Besuch begann US-Geheimdienstunterstützung mit Satellitenaufnahmen iranischer Truppenbewegungen. BELEGT Es gibt Belege, dass die dem Irak zur Verfügung gestellte Gefechtsfeld-Aufklärung den Irakern half, ihre Giftgasangriffe gegen die Iraner besser zu kalibrieren.
Als der Irak 1988 Giftgas gegen die eigene kurdische Bevölkerung in Halabdscha einsetzte, deckte Washington das Regime weiterhin. BELEGT Die USA verhinderten zu dieser Zeit eine Bewegung bei den Vereinten Nationen, Wirtschaftssanktionen gegen den Irak zu verhängen, mit der Begründung, Sanktionen wären nutzlos oder kontraproduktiv — dieses Verhältnis hielt bis zum Tag der irakischen Invasion Kuwaits im August 1990 an.
Nach der irakischen Invasion Kuwaits im August 1990 kippt das Verhältnis abrupt. Die entscheidende Wendung in der öffentlichen Meinung liefert nicht ein Fakt, sondern eine Inszenierung.
BELEGT In ihrer Aussage, zwei Monate nach der Invasion, behauptete sie, Zeugin geworden zu sein, wie irakische Soldaten Frühgeborene aus Brutkästen in einer Entbindungsstation nahmen, die Brutkästen plünderten und die Babys zum Sterben auf dem Boden liegen ließen. Die Geschichte war frei erfunden.
BELEGT Im Januar 1992 wurde bekannt, dass Nayirah nie als Krankenschwester gearbeitet hatte und die Tochter von Saud Nasser Al-Sabah war, dem damaligen kuwaitischen Botschafter in den USA. Sie und ihr Vater waren Mitglieder des Hauses Sabah, der Herrscherfamilie Kuwaits. Ihre Aussage war Teil einer breiteren PR-Kampagne der kuwaitischen Exilregierungs-Organisation "Citizens for a Free Kuwait" in Zusammenarbeit mit der amerikanischen PR-Firma Hill & Knowlton, die dafür zwischen zehn und zwölf Millionen US-Dollar erhielt.
BELEGT Präsident Bush erwähnte die Lügengeschichte innerhalb weniger Wochen mindestens zehnmal. Amnesty International übernahm die Behauptung zunächst in einem Bericht vom 19. Dezember 1990 und wiederholte sie noch am 8. Januar 1991 vor dem Komitee für auswärtige Angelegenheiten. BELEGT Der US-Senat stimmte am 12. Januar 1991 mit 52 zu 47 Stimmen für die Intervention — eine denkbar knappe Mehrheit. Der Krieg begann am 19. Januar 1991.
Anzumerken: Die Erfindung der Brutkasten-Geschichte bedeutet nicht, dass die irakische Besatzung Kuwaits ohne Gräueltaten verlief — dokumentierte Berichte über Folter, Plünderung und Exekutionen existieren unabhängig davon. OFFEN Die PR-Inszenierung ersetzte damit reale, aber weniger bildgewaltige Fakten durch eine wirksamere Erzählung.
Zwölf Jahre später wiederholt sich das Muster — diesmal mit dem Etikett "Terrorismus" statt "Gräueltat". Am 5. Februar 2003 präsentiert US-Außenminister Colin Powell dem UN-Sicherheitsrat den Kriegsgrund für die zweite Irak-Invasion.
BELEGT Powell behauptete, der Irak beherberge ein Terrornetzwerk unter der Führung von al-Qaida-Verbindungen. Zentrales "Beweisstück": das kurdisch-islamistische Ansar al-Islam und dessen angebliche "Giftfabrik" im Nordirak.
BELEGT Der einzige Grund, warum Ansar al-Islam in jenem Teil des kurdischen Irak überhaupt existieren konnte, war, dass die US-Luftwaffe dort seit über einem Jahrzehnt eine Flugverbotszone durchsetzte — das Pentagon hatte in diesem Teil Kurdistans mehr Kontrolle als Saddam selbst. Powell präsentierte eine Gruppe als Beweis für Saddams Terror-Netzwerk, die außerhalb von Saddams Kontrollbereich operierte.
| Behauptet von Powell (2003) | Spätere Einordnung |
|---|---|
| Saddam unterhält Verbindungen zu al-Qaida, "Nexus" aus Ambition und Hass | BELEGT Die CIA war bereits 2003 intern zu dem Schluss gekommen, dass Kontakte zwischen Saddam Husseins Regime und al-Qaida-Mitgliedern keine formelle Beziehung darstellten |
| Mobile Biowaffenlabore, UAVs zur Verbreitung biologischer Kampfstoffe | BELEGT Vor der US-Invasion waren bei mehr als 70 UN-Inspektionen keine Massenvernichtungswaffen gefunden worden; auch danach fand das US-Militär keine |
| Zeugenaussage al-Libis über Giftausbildung für al-Qaida im Irak | BELEGT Der Senatsbericht stellte die Verlässlichkeit der Aussage des gefangenen al-Qaida-Anführers Ibn al-Shaykh al-Libi infrage, dessen Behauptungen Powell dennoch in seiner Rede zitierte |
BELEGT Powell selbst distanzierte sich später von seiner eigenen Rede: "Ich fühlte mich schrecklich... Es ist ein Makel. Ich bin derjenige, der sie im Namen der Vereinigten Staaten der Welt präsentiert hat, und das wird immer Teil meiner Akte bleiben", sagte er 2005. Sein damaliger Stabschef Lawrence Wilkerson formulierte es später drastischer: er habe unwissentlich an einem Betrug am amerikanischen Volk mitgewirkt.
BELEGT Eine überparteiliche Untersuchung des US-Repräsentantenhauses kam später zu einem vernichtenden Ergebnis: In 125 einzelnen Auftritten machten Bush, Cheney, Powell, Rumsfeld und Rice zusammen 61 irreführende Aussagen über die Beziehung des Irak zu al-Qaida.
Die Pointe der Geschichte ist personell, nicht nur politisch. BELEGT Derselbe Donald Rumsfeld, der 1983 Saddam als Bollwerk gegen den islamistischen Iran die Hand schüttelte und ihm bei der Chemiewaffenproduktion half zu schweigen, ist 2001–2006 US-Verteidigungsminister und einer der Hauptarchitekten des Sturzes desselben Mannes — diesmal mit dem gegenteiligen Vorwurf: zu enger Nähe zum islamistischen Terrorismus. OFFEN Ob dies Ausdruck von Prinzipienlosigkeit, sich wandelnder geostrategischer Interessen oder schlicht der bekannten Logik "der Feind meines Feindes" ist, bleibt der Bewertung der Leserin überlassen.
Was verbindet die Brutkasten-Lüge von 1990 und die al-Qaida-Lüge von 2003 strukturell — abgesehen davon, dass beide funktionierten? Ist eine solche Inszenierung ein Ausrutscher des jeweiligen Systems, oder ein wiederkehrendes Werkzeug westlicher Kriegsvorbereitung?
Hätte der Irak-Krieg 2003 ohne die konstruierte Terror-Verbindung stattgefunden — trug die Lüge die Entscheidung, oder lieferte sie nur die Rechtfertigung für eine bereits getroffene?
Der Sturz Saddams beseitigte einen säkularen Diktator und schuf im selben Zug — durch De-Baathifizierung und Machtvakuum — die Bedingungen für einen echten islamistischen Aufstand (Zarqawi, Camp Bucca, IS). Wäre dieser Ausgang vorhersehbar gewesen, wenn man die Ansar-al-Islam-Episode ernster genommen hätte, statt sie propagandistisch zu instrumentalisieren?