DUNKELFELD.REPORT — EXPLORATIVES MATERIAL — STAND JULI 2026

Die Insel, die nie ganz aufgeklärt wurde

Status: DF – exploratives Material. Die hier verknüpften Stränge sind teils primärquellenfest (siehe RE-Version „Riems: Die Insel, die zweimal Geschichte machte"), teils stammen sie aus einzelnen, nicht unabhängig verifizierten Quellen. Kennzeichnung erfolgt jeweils im Text.

Riems ist offiziell die Wiege der Virologie. Inoffiziell ist es auch einer der wenigen Orte, an denen sich die Fäden von Wehrmacht-Biowaffenforschung, Operation Paperclip, einem bis heute nicht restlos aufgeklärten US-Seuchenlabor und – 2022 – einer geopolitischen Desinformationsschlacht kreuzen. Was RE aus guten Gründen nur mit gesicherten Quellen erzählt, wird hier weitergedacht: Welche Fragen bleiben offen? Welche Stränge sind plausibel, aber (noch) nicht belegt?

Der gesicherte Kern (kurz)

BELEGT

1898: Loeffler und Frosch entdecken das erste Virus überhaupt. 1910: Gründung der Insel-Forschungsstation. Ab 1942: Laborchef Erich Traub leitet unter Wehrmacht-Regie ein Programm zur biologischen Kriegsführung gegen Vieh, getarnt unter dem Dach der „Krebsforschung" Kurt Blomes. 1949: Traubs Flucht in den Westen, Anwerbung über Operation Paperclip. Danach: Fort Detrick, dann Plum Island. Dieser Teil ist durch mehrere unabhängige Quellen belegt (siehe RE-Artikel).

Strang 1: Die Lyme-These

OFFEN

Der Journalist und Jurist Michael Carroll behauptet in seinem Buch „Lab 257", dass die Entstehung der Lyme-Borreliose in den USA – erstmals in den 1970ern in Lyme, Connecticut, unmittelbar gegenüber von Plum Island, beschrieben – mit Freilandversuchen an infizierten Zecken auf der Insel in Verbindung stehen könnte. Er zitiert dazu einen anonymen ehemaligen Mitarbeiter, der von „dem Nazi-Wissenschaftler" spricht, der Zecken im Freiland inokuliert habe.1

Diese These ist in der etablierten Wissenschaft nicht anerkannt und wird von Seiten der Lyme-Forschung überwiegend zurückgewiesen. Sie beruht auf einer einzigen Buchquelle mit anonymen Zeugen, nicht auf Dokumenten. Für RE ist das nicht zitierfähig. Für DF ist es ein Strang, der die geografische Koinzidenz (Ausbruchsort direkt gegenüber dem Labor) und den dokumentierten Fakt, dass Traub tatsächlich mit Zeckenübertragung experimentierte, offen als Frage stehen lässt – ohne sie zu beantworten.

Offene Frage: Gibt es in US-Archiven (Fort Detrick, USDA) freigegebene, aber bislang nicht ausgewertete Unterlagen zu den frühen 1950er-Jahre-Freilandversuchen auf Plum Island? Recherche-Ansatz: FOIA-Anfragen, die bereits von US-Journalisten gestellt wurden, systematisch nachverfolgen.

Strang 2: Was geschah in der DDR-Zeit auf Riems wirklich?

OFFEN

Nach 1945 fiel Riems ins sowjetisch besetzte, dann ostdeutsche Staatsgebiet. Offiziell betrieb die DDR keine Biowaffenforschung. Der deutsche Wikipedia-Fachartikel zu biologischen Waffen erwähnt jedoch geheimdienstliche Hinweise auf militärisch relevante Forschung „zumindest auf der nahegelegenen Insel Riems" – ohne Beleg im Detail.2 Diese dreißig Jahre der Institutsgeschichte sind, soweit öffentlich einsehbar, deutlich schlechter dokumentiert als die NS-Zeit oder die Nachkriegsgeschichte in den USA.

Offene Frage: Was steht in den Akten der Sektion Militärmedizin der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, die laut Wikipedia Gelder vom DDR-Verteidigungsministerium erhielt? Wurde diese Verbindung zur Insel je unabhängig historisch aufgearbeitet – vergleichbar mit dem FLI-eigenen Jubiläumsbuch zur NS-Zeit? Bislang scheint hierzu keine vergleichbare Aufarbeitung zu existieren.

Strang 3: Riems als Zielscheibe, 2022 – und die Frage nach dem „Warum gerade dieser Ort"

BELEGT OFFEN

Als Russland 2022 vor dem UN-Sicherheitsrat behauptete, eine FLI-Forscherin sei in ein US-finanziertes Biowaffenprogramm in der Ukraine verstrickt, war die Faktenlage schnell eindeutig: harmlose Parasitenproben, bestätigt von der Forscherin selbst, zurückgewiesen von UN und USA, eingeordnet als Desinformation.3

Bemerkenswert bleibt trotzdem die Ortswahl: Von allen tausenden Laboren weltweit, mit denen die Ukraine kooperierte, traf die Desinformationskampagne ausgerechnet ein Institut mit tatsächlicher, dokumentierter Biowaffen-Vergangenheit. Ob das Zufall war oder ob russische Dienste die reale NS-Geschichte des Instituts gezielt als Verstärker für die Glaubwürdigkeit ihrer falschen Behauptung nutzten, ist nicht belegt – aber als Frage journalistisch relevant: Desinformation funktioniert oft am besten, wenn sie sich an einen wahren Kern anlagert.

Offene Frage: Gibt es Hinweise darauf, dass die russische Kampagne die historische Traub-Geschichte kannte und bewusst nutzte? Bisher nicht auffindbar – aber eine Anfrage bei Wissenschaftsjournalisten, die die Desinformationskampagne 2022 im Detail rekonstruiert haben (u. a. Science Magazine), könnte das klären.

Warum das nicht auf RE steht

Alle drei Stränge in diesem Artikel haben einen gemeinsamen Nenner: Sie sind plausibel, folgen der dokumentierten Faktenlage in eine naheliegende Richtung – aber sie sind nicht durch zwei unabhängige Quellen oder Primärdokumente belegt. Genau dafür existiert DF: um Fragen offen zu benennen, bevor sie zu Behauptungen werden. Sollte sich einer dieser Stränge durch weitere Recherche erhärten, wandert er in eine überarbeitete RE-Fassung.

Was wäre nötig, damit einer dieser drei Stränge von OFFEN zu BELEGT wechselt? Und: Warum ist ausgerechnet die DDR-Periode eines der am wenigsten aufgearbeiteten Kapitel dieser Institutsgeschichte?

Quellen

  1. Carroll, Michael: „Lab 257", zitiert nach CounterPunch („The Deadly Secrets of Plum Island", „Preserving Plum Island?"), counterpunch.org
  2. Wikipedia: „Biologische Waffe", Abschnitt DDR, de.wikipedia.org/wiki/Biologische_Waffe
  3. Nordkurier, 23.03.2022, sowie Science Magazine-Bericht zur Desinformationskampagne, zitiert nach Nordkurier
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