Wer nach einer einzelnen "Schuldfrage" bei deutschen Großprojekten sucht, wird enttäuscht. Es gibt keinen zentralen Akteur, der alle diese Projekte steuert oder von ihnen profitiert. Aber es gibt eine dokumentierte, wiederkehrende Methode — und die ist etwas anderes als reine Inkompetenz.
Der Ökonom Bent Flyvbjerg hat den Befund über Jahrzehnte und Ländergrenzen hinweg systematisch untersucht. Seine zentrale These: Kosten werden bei Großprojekten nicht zufällig unterschätzt, sondern von Planern und Politikern aus strategischen Gründen bewusst niedrig angesetzt, um überhaupt Zustimmung für das Projekt zu bekommen. Er nennt das "strategic misrepresentation" — und beschreibt den Auswahlmechanismus als eine Art umgekehrten Darwinismus: "survival of the unfittest". Nicht die realistischsten Projekte werden gebaut, sondern die, die auf dem Papier am günstigsten aussehen.
Die Hertie School of Governance kommt bei ihrer Untersuchung von 170 deutschen Großprojekten seit 1960 auf eine durchschnittliche Kostensteigerung von 73 Prozent. Das ist kein Ausreißer-Wert einzelner Pannenprojekte — das ist der statistische Durchschnitt.
Ein Vergaberechtsexperte beschreibt in einem Interview mit der WirtschaftsWoche einen weiteren, eigenständigen Verstärkungsmechanismus: Das gesetzliche Mittelstandsgebot zwingt Behörden zu kleinteiliger Ausschreibung. Bieter wissen bereits bei Abgabe ihres Angebots, dass Planänderungen während der Bauphase praktisch unausweichlich sind. Sobald die Bauarbeiten begonnen haben, kommt es zu Nachverhandlungen — bei denen es keinen Wettbewerb mehr gibt, weil der Auftrag bereits vergeben ist. Das Ergebnis: Nachverhandlungen bei öffentlichen Baumaßnahmen führen zu einer systematischen Kostenexplosion, die dem ursprünglichen Auftragnehmer zugutekommt.
Dieser Mechanismus ist von der psychologischen "Verlusteskalation" (Ross & Staw, 1986) zu unterscheiden, die beschreibt, warum einmal begonnene Projekte trotz explodierender Kosten selten abgebrochen werden — weil ein Abbruch den bereits aufgelaufenen Verlust erst sichtbar und politisch zurechenbar macht.
Ursprünglich für rund 2,5 Milliarden Euro und zweieinhalb Jahre Bauzeit geplant, endete das Projekt bei rund 5,4 Milliarden Euro und siebeneinhalb Jahren Verzögerung — eine Kostenüberschreitung von 125 Prozent.
Bei Planungsbeginn 2005 mit 186 Millionen Euro kalkuliert, kostete der Bau am Ende 789 Millionen Euro — eine Steigerung von 324 Prozent. Auch hier: kein unabhängiges Controlling während der Bauphase.
Klassisches Beispiel für Verlusteskalation: Kosten und Risiken wurden bei Planungsbeginn systematisch unterschätzt; jede neue Kostensteigerung wurde mit dem Verweis auf bereits investierte Mittel gerechtfertigt.
Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter verwies öffentlich darauf, dass Bauherrin und damit für Kosten und Bauzeit verantwortlich die Deutsche Bahn sei — nicht der Freistaat. Kritiker, darunter die Grünen im Landtag, verweisen darauf, dass schnellere und günstigere Alternativen (etwa der Ausbau des bestehenden Südrings) zur Verfügung gestanden hätten.
Bemerkenswert: Bereits der ursprüngliche Kanzleramtsbau (fertiggestellt 2001) war seinerzeit rund 30 Prozent teurer als geplant — dieselbe Methode wiederholt sich beim Erweiterungsbau desselben Gebäudes.
Wichtig für die Einordnung: Diese Projekte sind überwiegend keine Public-Private-Partnerships im Sinne der PPP-Serie dieses Portals (Metronet, A1 mobil). BER, Stuttgart 21, Elbphilharmonie, die Münchner Stammstrecke und das Kanzleramt laufen über staatliche/kommunale Trägerstrukturen (FBB GmbH, Deutsche Bahn, Stadt Hamburg, Bund) — kein privates Konsortium trägt hier vertraglich das Risiko und keins profitiert von einem Mautmodell. Der gemeinsame Nenner ist ein anderer: strategische Kostenunterschätzung in der Planungsphase (Flyvbjerg), gefolgt von einer Nachverhandlungsdynamik, die private Bauunternehmen nach Zuschlagserteilung begünstigt.
Ob diese Methode als "System" im Sinne einer bewussten, koordinierten Strategie einzelner Akteure zu werten ist oder als strukturelles Ergebnis von politischem Anreizsystem (Projekte müssen billig aussehen, um genehmigt zu werden) plus fehlender Ausschreibungskonkurrenz nach Vertragsschluss — das ist eine Interpretationsfrage. Belegt ist die Wiederholung des Musters über Jahrzehnte und Projekttypen hinweg; nicht belegt ist eine zentrale Absicht dahinter.