dunkelfeld.report · Machtstrukturen

Großprojekte in Deutschland
Unfähigkeit oder System?

BER, Stuttgart 21, Elbphilharmonie, die Münchner S-Bahn, das Bundeskanzleramt: Immer dieselbe Geschichte — Kosten explodieren, Zeitpläne zerplatzen. Was auf den ersten Blick wie eine Kette von Einzelpannen aussieht, ist wissenschaftlich als Methode dokumentiert.

Wer nach einer einzelnen "Schuldfrage" bei deutschen Großprojekten sucht, wird enttäuscht. Es gibt keinen zentralen Akteur, der alle diese Projekte steuert oder von ihnen profitiert. Aber es gibt eine dokumentierte, wiederkehrende Methode — und die ist etwas anderes als reine Inkompetenz.

1. Der wissenschaftliche Befund: Kein Zufall, sondern Muster

BELEGT
Primärquelle
Bent Flyvbjerg (Oxford/Harvard): Untersuchung von rund 2.000 Großprojekten in 104 Ländern. Hertie School of Governance: Untersuchung von 170 deutschen Großprojekten seit 1960.

Der Ökonom Bent Flyvbjerg hat den Befund über Jahrzehnte und Ländergrenzen hinweg systematisch untersucht. Seine zentrale These: Kosten werden bei Großprojekten nicht zufällig unterschätzt, sondern von Planern und Politikern aus strategischen Gründen bewusst niedrig angesetzt, um überhaupt Zustimmung für das Projekt zu bekommen. Er nennt das "strategic misrepresentation" — und beschreibt den Auswahlmechanismus als eine Art umgekehrten Darwinismus: "survival of the unfittest". Nicht die realistischsten Projekte werden gebaut, sondern die, die auf dem Papier am günstigsten aussehen.

Die Hertie School of Governance kommt bei ihrer Untersuchung von 170 deutschen Großprojekten seit 1960 auf eine durchschnittliche Kostensteigerung von 73 Prozent. Das ist kein Ausreißer-Wert einzelner Pannenprojekte — das ist der statistische Durchschnitt.

170
untersuchte deutsche Großprojekte seit 1960
+73 %
durchschnittliche Kostensteigerung

2. Der zweite Mechanismus: Wettbewerb, der nach Zuschlag verschwindet

BELEGT

Ein Vergaberechtsexperte beschreibt in einem Interview mit der WirtschaftsWoche einen weiteren, eigenständigen Verstärkungsmechanismus: Das gesetzliche Mittelstandsgebot zwingt Behörden zu kleinteiliger Ausschreibung. Bieter wissen bereits bei Abgabe ihres Angebots, dass Planänderungen während der Bauphase praktisch unausweichlich sind. Sobald die Bauarbeiten begonnen haben, kommt es zu Nachverhandlungen — bei denen es keinen Wettbewerb mehr gibt, weil der Auftrag bereits vergeben ist. Das Ergebnis: Nachverhandlungen bei öffentlichen Baumaßnahmen führen zu einer systematischen Kostenexplosion, die dem ursprünglichen Auftragnehmer zugutekommt.

Dieser Mechanismus ist von der psychologischen "Verlusteskalation" (Ross & Staw, 1986) zu unterscheiden, die beschreibt, warum einmal begonnene Projekte trotz explodierender Kosten selten abgebrochen werden — weil ein Abbruch den bereits aufgelaufenen Verlust erst sichtbar und politisch zurechenbar macht.

3. Fallbeispiele

Flughafen BER

BELEGT

Ursprünglich für rund 2,5 Milliarden Euro und zweieinhalb Jahre Bauzeit geplant, endete das Projekt bei rund 5,4 Milliarden Euro und siebeneinhalb Jahren Verzögerung — eine Kostenüberschreitung von 125 Prozent.

Elbphilharmonie Hamburg

BELEGT

Bei Planungsbeginn 2005 mit 186 Millionen Euro kalkuliert, kostete der Bau am Ende 789 Millionen Euro — eine Steigerung von 324 Prozent. Auch hier: kein unabhängiges Controlling während der Bauphase.

Stuttgart 21

BELEGT

Klassisches Beispiel für Verlusteskalation: Kosten und Risiken wurden bei Planungsbeginn systematisch unterschätzt; jede neue Kostensteigerung wurde mit dem Verweis auf bereits investierte Mittel gerechtfertigt.

Zweite S-Bahn-Stammstrecke München

BELEGT
2010
Bayerischer Landtag beschließt das Projekt, Kabinettsvorlage nennt 2 Milliarden Euro. Fertigstellung ursprünglich für 2019 geplant.
2019
Geschätzte Baukosten (inkl. Risikopuffer): 3,8 Milliarden Euro.
2022
Bayerisches Verkehrsministerium nennt bis zu 7,2 Milliarden Euro.
Ende 2024
Bau- und Planungskosten laut Landtags-Unterausschuss: 9,369 Milliarden Euro — eine Steigerung um rund 2 Milliarden Euro binnen zwei Jahren.
2025 (Prognose)
Deutsche Bahn rechnet inklusive Inflation bis Fertigstellung mit rund 10,9 bis über 11 Milliarden Euro. Inbetriebnahme frühestens 2035, eher 2036/2037 — statt ursprünglich 2019/2026.

Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter verwies öffentlich darauf, dass Bauherrin und damit für Kosten und Bauzeit verantwortlich die Deutsche Bahn sei — nicht der Freistaat. Kritiker, darunter die Grünen im Landtag, verweisen darauf, dass schnellere und günstigere Alternativen (etwa der Ausbau des bestehenden Südrings) zur Verfügung gestanden hätten.

Erweiterungsbau Bundeskanzleramt

BELEGT
Primärquelle
Bundesrechnungshof-Prüfberichte zum Erweiterungsbau des Bundeskanzleramts, zitiert nach Tagesspiegel (2022) und Weser-Kurier (2025); Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler.
2020
Planungsbeginn, veranschlagte Gesamtkosten: 485 Millionen Euro.
2022
Bundesrechnungshof kritisiert Baukosten von rund 18.500–19.000 Euro pro Quadratmeter Nutzfläche — ein Wert, der laut Prüfbericht dem Niveau höchstinstallierter universitärer Forschungsgebäude mit Hochsicherheitslaboren entspricht, obwohl ein "nüchterner Zweckbau" versprochen worden war. Bemängelt werden zudem ein 10-Millionen-Euro-Hubschrauberlandeplatz ("sachlich nicht gerechtfertigt") und eine zusätzliche 176-Meter-Fußgängerbrücke über die Spree ohne nachgewiesenen Mehrwert.
2023
Baubeginn. Kosten liegen inzwischen bei rund 600 Millionen Euro.
2025
Aktuelle Kostenschätzung: 777 Millionen Euro. Der Bund der Steuerzahler prognostiziert bis zur Fertigstellung 2027/2028 bis zu 1 Milliarde Euro. Der Bundesrechnungshof errechnet einen Überhang von rund 110–266 Büroarbeitsplätzen gegenüber dem tatsächlichen Bedarf und empfiehlt eine Straffung der Flächenplanung.

Bemerkenswert: Bereits der ursprüngliche Kanzleramtsbau (fertiggestellt 2001) war seinerzeit rund 30 Prozent teurer als geplant — dieselbe Methode wiederholt sich beim Erweiterungsbau desselben Gebäudes.

4. Einordnung: Wo Systematik endet und Einzelfall beginnt

EXTRAPOLATION

Wichtig für die Einordnung: Diese Projekte sind überwiegend keine Public-Private-Partnerships im Sinne der PPP-Serie dieses Portals (Metronet, A1 mobil). BER, Stuttgart 21, Elbphilharmonie, die Münchner Stammstrecke und das Kanzleramt laufen über staatliche/kommunale Trägerstrukturen (FBB GmbH, Deutsche Bahn, Stadt Hamburg, Bund) — kein privates Konsortium trägt hier vertraglich das Risiko und keins profitiert von einem Mautmodell. Der gemeinsame Nenner ist ein anderer: strategische Kostenunterschätzung in der Planungsphase (Flyvbjerg), gefolgt von einer Nachverhandlungsdynamik, die private Bauunternehmen nach Zuschlagserteilung begünstigt.

Ob diese Methode als "System" im Sinne einer bewussten, koordinierten Strategie einzelner Akteure zu werten ist oder als strukturelles Ergebnis von politischem Anreizsystem (Projekte müssen billig aussehen, um genehmigt zu werden) plus fehlender Ausschreibungskonkurrenz nach Vertragsschluss — das ist eine Interpretationsfrage. Belegt ist die Wiederholung des Musters über Jahrzehnte und Projekttypen hinweg; nicht belegt ist eine zentrale Absicht dahinter.

Offene Frage: Wenn Flyvbjergs "strategic misrepresentation" seit Jahrzehnten wissenschaftlich dokumentiert ist und die Hertie-School-Zahlen jedem Verantwortlichen bekannt sein müssten — warum ändert sich am Ausschreibungs- und Genehmigungsverfahren bis heute nichts Grundlegendes?
Verwandt: PPP — Gewinne privatisiert, Verluste sozialisiert (A1 mobil, Metronet)
Verwandt: Superklasse & Machtzirkel — Serie
Impressum · Datenschutz