dunkelfeld.report # Struktur & Kontrolle · Juli 2026

Steuerungsvakuum: Die GIZ und die Frage, wer eigentlich kontrolliert

Ein Betrugsfall im Jemen, eine seit Jahren kritisierte Kennzahl, ein IT-Projekt für 101,6 Millionen Euro, das die eigene Zahlungsfähigkeit lahmlegte. Drei unabhängige Stränge, ein wiederkehrendes Muster.

Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) verwaltet jährlich mehrere Milliarden Euro Steuergeld, beschäftigt weltweit rund 24.500 bis 26.000 Mitarbeiter und ist in über 90 Ländern aktiv. Sie ist die zentrale Durchführungsorganisation der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Im Frühjahr und Sommer 2026 gerieten gleich mehrere voneinander unabhängige Vorgänge in die Öffentlichkeit. Betrachtet man sie einzeln, wirkt jeder für sich wie ein bedauerlicher Einzelfall. Betrachtet man sie nebeneinander, ergibt sich ein anderes Bild.

1. Die Kennzahl, die nichts misst

Der Aufsichtsrat der GIZ überwacht die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens mit einem einzigen zentralen Instrument: der sogenannten Steuerungskennzahl. Sie setzt die jährlichen Kosten der GIZ ins Verhältnis zum Einnahmendurchschnitt der letzten vier Jahre.

Primärquelle: Bundesrechnungshof, Bemerkungen 2023 Der Bundesrechnungshof stellte fest, dass zwei der vier für die Kennzahl herangezogenen Jahre in der Zukunft liegen — die Berechnung beruht also wesentlich auf Prognosen. Der Vorstand habe die Einnahmen in den vergangenen Jahren "durchgängig – und nahezu ausschließlich in dreistelliger Millionenhöhe – zu niedrig" prognostiziert.
BELEGT Der jährliche Zielwert der Kennzahl wurde zwischen Vorstand und Aufsichtsrat einvernehmlich festgelegt und lag dabei stets nur knapp über dem bereits erreichten Vorjahreswert. Der Rechnungshof kritisierte dies wiederholt als wenig ambitioniert und forderte das BMZ auf, ein aussagekräftiges Kennzahlensystem zu entwickeln.

BELEGT Ein wesentlicher struktureller Grund: Die GIZ erhält ihre Einnahmen überwiegend ohne Wettbewerb aus dem Bundeshaushalt. Es existiert kein Marktvergleich, an dem sich echte Wirtschaftlichkeit messen ließe — das Ministerium selbst kann laut Rechnungshof nicht beurteilen, ob die Kosten der GIZ angemessen sind.

2. Der Jemen-Fall: Betrug und Informationsfluss

Im Frühjahr 2026 wurde öffentlich, was intern schon Jahre zuvor bekannt war: Bei GIZ-Projekten im Jemen soll es zu systematischem Betrug gekommen sein — abgerechnete Seminare, die nie stattfanden, fingierte Tankrechnungen, Währungsmanipulationen.

Seit 2014/2015

Die GIZ steuert Jemen-Projekte (Volumen über 100 Mio. Euro) faktisch aus der Ferne von Eschborn/Bonn — keine deutschen Mitarbeiter vor Ort. Kontrolle erfolgt vorwiegend belegbasiert.

Herbst 2022

Erste Hinweise auf Unregelmäßigkeiten. Die GIZ beauftragt eine erste interne/externe Prüfung.

Frühjahr 2023

Intern ist zunächst nur von "kaufmännischen Ungereimtheiten" die Rede.

Mitte 2023

Die zuständige Bereichsleitung erstellt eine Schadenseinschätzung im zweistelligen Millionenbereich. Der Vorstand soll informiert gewesen sein. BMZ und Aufsichtsrat werden offiziell unterrichtet — nach übereinstimmenden Berichten jedoch mit allgemein gehaltenen Formulierungen statt konkreter Zahlen.

2025

Die USA setzen die Yemen Kuwait Bank auf ihre Sanktionsliste (Vorwurf: Nutzung durch die Huthi zur Geldwäsche/Terrorfinanzierung). Eine externe Prüfung hatte der GIZ bereits 2023 empfohlen, die Geschäftsbeziehung zu beenden — die Zusammenarbeit soll dennoch fortgesetzt worden sein. Beim Rückzug aus dem von Huthi kontrollierten Nordjemen sollen zudem Teile der Projektakten vernichtet worden sein.

Mai/Juni 2026

Der Fall wird öffentlich (Welt, Business Insider). 24 Mitarbeiter werden freigestellt. Die vollständige Schadenshöhe bleibt nach Angaben von GIZ und BMZ ungeklärt.

OFFEN Ob strafrechtliche Ermittlungen laufen, ließen BMZ und GIZ auf Presseanfrage offen. Die exakte Schadenshöhe ist bis heute nicht abschließend festgestellt.

EXTRAPOLATION Eine mögliche Verbindung zwischen veruntreuten Mitteln und einer Finanzierung der Huthi-Bewegung wird von mehreren Quellen als denkbar bezeichnet — sie ist ausdrücklich nicht belegt und wird von der GIZ zurückgewiesen.

3. Das SAP-Desaster: 101,6 Millionen für ein System, das nicht zahlt

Parallel zum Jemen-Fall wurde im Frühjahr 2026 über den Bundestag ein zweiter, unabhängiger Vorgang bekannt: die Umstellung der GIZ-eigenen IT-Systeme auf SAP S/4HANA.

101,6 Mio. € Gesamtkosten der SAP-Transformation
60,2 Mio. € davon externe Berater & Dienstleister
90+ betroffene Länder
unbeziffert Höhe der offenen Rechnungen
Primärquelle: Deutscher Bundestag — hib-Kurzmeldung, April 2026 Nach Angaben der Bundesregierung waren durch die IT-Umstellung alle Länder betroffen, in denen die GIZ tätig ist. Vereinzelt kam es zu Verzögerungen bei Projekten sowie zu Kündigungen durch Dienstleister. Angaben zur Anzahl oder Höhe offener Rechnungen konnten zum Zeitpunkt der Anfrage nicht gemacht werden.

Monatelang konnte die GIZ Rechnungen von Partnern, Beratern und lokalen Dienstleistern in ihren weltweiten Einsatzländern nicht bezahlen. Hotels verweigerten Buchungen, Dienstleister kündigten Verträge.

Einordnung: Ist das für ein SAP-Projekt ungewöhnlich?

FallKostenErgebnis
GIZ (S/4HANA)101,6 Mio. €Monatelange Zahlungsunfähigkeit gegenüber Partnern in 90+ Ländern
Edeka (ERP-Projekt)150 Mio. € MehrkostenMassive Budgetüberschreitung, ohne vergleichbaren Zahlungsausfall
Branchenschnitt (Horváth-Studie, 200 Unternehmen)bei 25% sehr starke, bei 40% starke Budgetüberschreitung60% reißen Budget/Zeitplan; 2 von 3 Unternehmen unzufrieden mit Ergebnisqualität

BELEGT Die reine Kostenhöhe von 101,6 Mio. Euro liegt für eine Organisation dieser Größe (3,7 Mrd. Euro Jahreseinnahmen, zehntausende Mitarbeiter, Betrieb in über 90 Ländern) innerhalb dessen, was auch bei anderen Großprojekten dieser Art vorkommt — SAP-Einführungen dieser Dimension gelten branchenweit als überdurchschnittlich risikobehaftet.

BELEGT Ungewöhnlich ist dagegen der Beraterkostenanteil von knapp 60 Prozent — sowie die Tatsache, dass nach Abschluss dieser Ausgaben die Kernfunktion Rechnungswesen über Monate faktisch ausfiel und die Organisation selbst nicht beziffern konnte, in welchem Umfang.

Die Kostenhöhe allein beweist kein Missmanagement — SAP-Großprojekte scheitern häufig, auch bei profitablen Privatunternehmen. Der eigentliche Befund ist ein anderer: eine Organisation, die nach 101,6 Millionen Euro Investition nicht in der Lage war, die Auswirkungen auf die eigene Zahlungsfähigkeit zu beziffern.

4. Drei Stränge, ein Muster

Die drei Vorgänge — Steuerungskennzahl, Jemen-Betrug, SAP-Umstellung — haben unterschiedliche Ursachen, unterschiedliche Akteure und unterschiedliche Zeiträume. Sie eint ein wiederkehrendes strukturelles Element:

VorgangKontrollinstanzBefund
SteuerungskennzahlAufsichtsrat / BMZKennzahl beruht auf Prognosen, misst reale Wirtschaftlichkeit nicht
Jemen-BetrugAufsichtsratKonkrete Schadenseinschätzung seit Mitte 2023 bekannt, Aufsichtsrat laut Berichten nur allgemein informiert
SAP-TransformationBMZ / BundestagAusmaß der Zahlungsausfälle nach Projektabschluss nicht bezifferbar

In allen drei Fällen fehlt nicht die Aufsichtsstruktur an sich — Aufsichtsrat, Bundesrechnungshof und Bundestag existieren und werden tätig. Was in allen drei Fällen fehlt, ist die belastbare, rechtzeitige Information, auf deren Grundlage diese Instanzen tatsächlich steuern könnten.

Warum wurde die Steuerungskennzahl trotz jahrelanger Rechnungshofkritik nicht ersetzt?

Warum erhielt der Aufsichtsrat im Jemen-Fall offenbar nur allgemeine Formulierungen, obwohl der Bereichsleitung seit Mitte 2023 eine konkrete Schadenssumme vorlag?

Und wie lässt sich rechtfertigen, dass ein Unternehmen nach 101,6 Millionen Euro IT-Investition die Höhe der eigenen offenen Verbindlichkeiten nicht beziffern kann?

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