Seit 2021 sammelt die Elterninitiative „SOS Périscolaire" Zeugenaussagen aus Pariser Kindergärten, Vor- und Grundschulen. Was als einzelne Verdachtsfälle begann, ist inzwischen eine Ermittlung gegen mehr als hundert Einrichtungen — und ein Fall, der zeigt, wie lange Behörden wegsehen können, wenn niemand offiziell zuständig ist.
Was Kinder erzählen, wenn sie es noch nicht erzählen können
Seine Mutter holt ihn von einer öffentlichen Vorschule in Paris ab, als er sagt: „Mama, mir tut der Po weh." Sein Verhalten verändert sich in dieser Zeit — er zieht sich zurück, nässt wieder ein, will nicht mehr schlafen. Erst bei einem Psychologen kann der Junge mithilfe von Puppen nachstellen, was ihm widerfahren war: eine Vergewaltigung.
„Sie sagt zu mir: ‚Killekille'. Ich sage: ‚Ach, killekille, er hat dich am Rücken oder am Arm gekitzelt?' Und sie sagt: ‚Wehgetan.' Ich sage: ‚Hat er dir wehgetan?' Und sie sagt: ‚Po.'"
Roxannes Tochter hat eine Sprachstörung und drückt sich in Zeichensprache und Einzelwörtern aus. Nach diesem Gespräch reagiert das Kind mit einer Krise. Die Mutter sagt selbst: Sie weiß nicht mit Sicherheit, was genau passiert ist — aber sie befürchtet, dass etwas passiert ist.
„Kinder im Vorschulalter, die Opfer solcher sexueller Übergriffe werden, können sich nichts ausdenken, wenn sie einen Missbrauch mit Worten beschreiben oder bildlich darstellen. Entweder haben sie gesehen, wie es an jemandem begangen wurde, oder sie haben es selbst erlebt, oder in einem Video gesehen."
Warum ausgerechnet die Aufsicht zum Risiko wurde
Mittagspausen und Randzeiten in Kindergärten und Grundschulen werden in Frankreich größtenteils nicht von Lehrkräften betreut, sondern von „Aufsichtskräften" (agents périscolaires). Diese sind nicht bei Schulen oder dem Bildungsministerium angestellt, sondern bei den Kommunen — oft ohne pädagogische Ausbildung, häufig als Aushilfe mit Zwei-Stunden-Einsätzen zur Mittagszeit.
„Man muss Leute, die diesen Beruf ausüben wollen, mit richtigen Verträgen und einem guten Gehalt gewinnen. Da wir all das nicht haben, haben wir mit unzuverlässigen Leuten zu tun und natürlich auch mit Menschen, die potenziell gefährlich sein können."
Die Betreuer selbst weisen seit den Skandalen einen Generalverdacht zurück und fordern geregelte Arbeitszeiten und höhere Gehälter — viele würden nur stundenweise als Springer eingesetzt.
Von Saint-Dominique bis Nantes
2026 wurden dort 16 Personen festgenommen, zwei Betreuer kamen in Untersuchungshaft. Den Aussagen der Kinder zufolge sollen sich mehrere Betreuer abgestimmt und Kinder zur Mittagszeit gezielt in Räume gebracht haben. Die Eltern erfuhren davon zuerst aus der Presse, nicht von der Stadtverwaltung.
Was 2021 mit einzelnen Zeugenaussagen bei SOS Périscolaire begann, ist im Mai 2026 zu Ermittlungen gegen 114 Kitas, Vor- und Grundschulen in Paris angewachsen — in allen Arrondissements der Stadt. In über 50 Fällen vermuten die Behörden konkret sexuelle Übergriffe auf Kinder.
Am 3. Juli 2026 wurde ein Betreuer in Saint-Sébastien-sur-Loire bei Nantes vorsorglich suspendiert, nachdem der Verdacht auf sexuellen Missbrauch an einem fünfjährigen Mädchen aufkam. Festnahmen gab es zu diesem Zeitpunkt noch keine — aber der Fall zeigt: Was in Paris als lokaler Skandal begann, wird zunehmend als strukturelles, landesweites Problem sichtbar.
Politik, Justiz — und ein Eingeständnis
Das französische Parlament will die Kontrollen verschärfen: Betreuer müssen künftig bei Einstellung ein Führungszeugnis vorlegen und es alle drei Jahre erneuern. Die Stadt Paris hat einen Aktionsplan über 20 Millionen Euro beschlossen — unter anderem für bessere Qualifikationskontrolle und Ausbildung. Die zuständige Schulbeauftragte der Stadt Paris gab trotz mehrfacher Anfragen kein Interview.
„Es stimmt, dass wir dazu neigen, schreckliche Dinge nicht sehen zu wollen. Es handelt sich also um eine Art kollektive Verblendung. Auch die Justiz muss sich kritisch hinterfragen und mit großer Offenheit und Demut anerkennen, dass sie bei der Bekämpfung dieser Probleme vielleicht nicht immer ihren Aufgaben gerecht geworden ist."
So ein Vertreter der französischen Justiz zur Frage, warum die gerichtliche Aufarbeitung der Fälle nur schleppend vorankommt. Für viele Betroffene bleibt der Eindruck: Polizei, Stadtverwaltung, Regierung und Justiz haben es zugelassen, dass Kinder missbraucht wurden, statt frühzeitig etwas zu ändern.