Warum ein jahrhundertealter Irrglaube ausgerechnet seit 2015 wieder wächst — und was das mit der Erdform gar nichts zu tun hat.
Am Rand der Debatte um Verschwörungserzählungen wirkt die flache Erde wie das harmloseste aller Themen — ein Kuriosum, über das man lächelt. Doch genau das macht sie als Fallstudie wertvoll: Es gibt keine geopolitischen Interessen, keine Pharmalobby, keine Kriegsindustrie, die von diesem Glauben profitiert. Was bleibt, wenn man alle Motive wegstreicht, ist der reine Mechanismus, der aus Zweifel eine Überzeugung macht — und der lässt sich hier ungewöhnlich sauber beobachten.
Die belastbarste Quelle zu diesem Thema stammt nicht aus Foren oder Blogs, sondern aus peer-reviewter Kommunikationswissenschaft. Die Psychologin Asheley Landrum und ihr Kollege Alex Olshansky von der Texas Tech University befragten über 90 Teilnehmer der ersten großen internationalen Flat-Earth-Konferenz in Raleigh, North Carolina.
Landrum und Olshansky veröffentlichten 2019 die Studie "The Role of Conspiracy Mentality in Denial of Science and Susceptibility to Viral Deception about Science" (Politics and the Life Sciences) sowie 2021 eine Folgestudie zur unterschiedlichen Anfälligkeit für irreführende Flat-Earth-Argumente auf YouTube (Media Psychology). Ihre Kerneinordnung: Die Befragten seien keine trollenden Provokateure, sondern durchweg aufrichtig von ihrer Überzeugung eingenommen.
Wichtig für die Einordnung: Keine der zitierten Studien behauptet, YouTube habe die Flache-Erde-Idee erfunden oder gezielt gefördert. Der Mechanismus ist subtiler und dadurch interessanter. Empfehlungssysteme sind darauf optimiert, Verweildauer zu maximieren — und Inhalte, die eine bestehende Neugier radikalisieren, erzeugen nachweislich mehr Klicks als Inhalte, die sie widerlegen.
Die Publizistin Zeynep Tufekci beschrieb dieses Muster 2018 unter dem Titel "YouTube, the Great Radicalizer": Wer ein Video zu einem beliebigen Thema ansieht, wird vom Empfehlungssystem tendenziell zu extremeren Varianten desselben Themas weitergeleitet — unabhängig davon, ob es sich um Politik, Ernährung oder eben Kosmologie handelt.
Ein zweiter Forschungsstrang befasst sich nicht mit der Verbreitung, sondern mit der Verfestigung des Glaubens. Mehrere Studien — unter anderem von Swami und Kollegen (2014) — zeigen, dass analytisches, reflektierendes Denken den Glauben an Verschwörungserzählungen generell verringert. Umgekehrt fanden Lantian und Kollegen (2021), dass ein hoher Verschwörungsglaube mit einer geringeren Fähigkeit zu kritischem Denken einhergeht — nicht mit mangelnder Bildung oder einem bestimmten Persönlichkeitstyp.
Drei psychologisch-soziale Bedürfnisse tauchen in der Forschung immer wieder als Treiber auf:
| Motiv | Mechanismus |
|---|---|
| Epistemisch | Bedürfnis nach einer einfachen, in sich schlüssigen Erklärung bei unklarer Informationslage |
| Existenziell | Kontrollgefühl in einer komplexen, unübersichtlichen Welt |
| Sozial | Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die "die Wahrheit" kennt — eigene Konferenzen, Foren, Anerkennung |
Wer einmal in der Empfehlungsspirale steckt, für den wird nicht die überzeugendste Erklärung sichtbar — sondern die, die am längsten im Feed bleibt.
OFFEN Ob die 2019 angekündigte Algorithmus-Anpassung von YouTube die Verbreitungsdynamik tatsächlich verlangsamt hat, ist mangels aktueller, unabhängiger Nachfolgestudien nicht abschließend belegt.
Wenn ein jahrhundertealter, längst widerlegter Irrglaube ausgerechnet in dem Jahrzehnt neue Anhänger gewinnt, in dem algorithmische Empfehlungssysteme zum dominanten Informationskanal werden — ist das dann noch Zufall der Aufklärung, oder ein Systemfehler der Plattformarchitektur selbst?
Und wenn Verweildauer wichtiger ist als Wahrheitsgehalt — welche anderen, folgenreicheren Überzeugungen entstehen gerade auf die gleiche Weise, unbemerkt, weil sie plausibler klingen als eine flache Scheibe?