Bis zu den Anschlägen von Paris im November 2015 ging die Mehrheit westlicher Sicherheitsexperten davon aus, dass der „Islamische Staat" seinen Fokus auf die Sicherung des im Juni 2014 ausgerufenen Kalifats in Syrien und im Irak legt — nicht auf direkte Angriffe im Westen. Diese Einschätzung änderte sich erst mit einer Kette realer Ereignisse:
Diese Anschlagsserie ist mit Opferzahlen, Orten und Daten belegt. Sie ist der reale Kern, an dem sich alles Weitere entzündet.
Bereits im Januar 2015 — vor der eigentlichen Anschlagswelle in Europa — berichtete der deutsche Regionalsender RTF.1 unter dem Titel „Islamischer Staat will Europa erobern". Zitiert wurde ein Interview, in dem von der Bereitschaft die Rede war, 250 bis 500 Millionen Menschen zu töten, sollte dies dem Ziel dienen.
Diese Rhetorik existierte also bereits, bevor die Anschlagsserie in Europa begann, die Sicherheitsexperten später zum Umdenken brachte.
Parallel zur realen Bedrohungslage lief ein zweiter, deutlich älterer Erzählstrang: die sogenannte „Eurabia"-These der Autorin Bat Ye'or, formuliert bereits Jahre vor der Ausrufung des IS-Kalifats. Ihre Kernbehauptung: eine schleichende, absichtlich vorangetriebene Islamisierung Europas — nicht durch Gewalt, sondern durch Demografie, Recht und politische Unterwanderung „von innen".
Diese These wurde 2015 — im Schatten der realen IS-Anschläge — von einschlägigen Blogs aufgegriffen und mit der aktuellen Anschlagsserie verknüpft. Das Ergebnis: zwei getrennte Phänomene — eine militante Splittergruppe mit klar benennbaren Anschlägen, und eine jahrzehntealte zivilisatorische Verschwörungsthese ohne empirische Basis — erschienen plötzlich als ein und dasselbe Projekt.
ExtrapolationDie Verschmelzung von „IS begeht Anschläge" zu „der politische Islam als Ganzes verfolgt einen koordinierten Plan zur Eroberung Europas" ist ein Kategoriensprung: von einer militanten Gruppe mit einigen tausend Mitgliedern zu einer Aussage über hunderte Millionen Muslime weltweit. Dieser Sprung ist durch keine der zitierten Quellen selbst gedeckt.
Zum Vergleich die aktuelle Lage laut Verfassungsschutzbericht 2025:
Eine fragmentierte Szene von rund 28.000 Personen ohne zentrale Führung steht rechnerisch rund 5,5 Millionen Muslimen in Deutschland gegenüber. Ein koordiniertes „Eroberungsprojekt" dieser Größenordnung ist mit den vorliegenden Zahlen nicht abzubilden — weder widerlegt noch belegt lässt sich daraus eine steuernde Gesamtstrategie ableiten.
OffenOb und in welchem Maß einzelne islamistische Netzwerke sich auf die „Eurabia"-Rhetorik als ideologische Rechtfertigung berufen, oder ob dies primär eine externe Zuschreibung durch Islamkritik-Milieus im Westen ist, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht abschließend klären.