dunkelfeld.report · Exkurs zu "Lobbyismus in der EU"

Warum Manager mitmachen

Subventionen, Vorstandsboni und eine Industrie, die von der Transformation selbst lebt – Auto, Stahl und Energie im Vergleich

Der Eindruck, die Industrie kämpfe gegen ihre eigene Regulierung und verliere dabei strukturell, greift zu kurz. Der Umstieg wird auf zwei Ebenen finanziell attraktiv gemacht: durch staatliche Subventionen an die Unternehmen – und durch eine Vergütungsstruktur, die das Management persönlich am Umstieg verdienen lässt. Eine dritte Ebene kommt hinzu: eine ganze Industrie aus Ratingagenturen, Standardsetzern und Beratungsfirmen, die von der wachsenden Komplexität der ESG-Regulierung selbst lebt.

Drei Branchen, ein Muster

BrancheUnternehmenStaatliche Förderung
AutomobilVW-KonzernCO2-Regelflexibilisierung erspart ~1,5–1,7 Mrd. € Strafzahlung (2025)
StahlThyssenkrupp~2 Mrd. € Bund/Land NRW für Wasserstoff-Direktreduktion, zusätzlich bis zu 1,45 Mrd. € Betriebskostenausgleich
StahlSalzgitter AG1,3 Mrd. € Bund/Land Niedersachsen für "SALCOS"-Umstieg
EnergieRWE2,6 Mrd. € Entschädigung für vorgezogenen Braunkohleausstieg (EU-Kommission bestätigt)
EnergieLEAG1,75 Mrd. € Entschädigung, gleiche Regelung

Alle Werte BELEGT (EU-Kommission, Bundesministerien, offizielle Förderbescheide).

Zur Einordnung RWE-Fall: Der Ökoenergie-Anbieter Green Planet Energy legte gegen die RWE-Entschädigung Beschwerde bei der EU-Kommission ein – mit dem Argument, die Braunkohlekraftwerke wären angesichts steigender CO2-Preise ohnehin unrentabel geworden. Die Kommission genehmigte die Zahlung trotzdem, mit der Begründung, der Barwert entgangener Gewinne rechtfertige die Summe. BELEGT (EU-Kommission, taz, energiezukunft.eu)

Ebene 2: Die persönliche Vergütung des Managements

Seit 2023 sind die Vorstandsvergütungen aller 40 DAX-Konzerne ohne Ausnahme an ESG-Kriterien gekoppelt. 98 Prozent der DAX-Unternehmen nutzen ESG-Kennzahlen in den kurzfristigen Bonusplänen, 45 Prozent inzwischen auch in den langfristigen (Anstieg von 22 Prozentpunkten binnen eines Jahres). Im Schnitt hängen 8 Prozent der Vorstandsvergütung direkt von ESG-Zielen ab.

98 %
DAX-Unternehmen mit ESG-Zielen im Kurzfrist-Bonus
45 %
DAX-Unternehmen mit ESG-Zielen im Langfrist-Bonus (LTI)

BELEGT (WTW-Studie, Russell Reynolds Associates)

Damit ist die Anreizstruktur des Managements teilweise von der Anreizstruktur des Gesamtunternehmens entkoppelt: Ein Vorstand kann persönlich von einer Transformation profitieren, die dem Konzern strukturell schadet oder ihn zumindest im internationalen Wettbewerb schwächt – solange die vereinbarten ESG-Kennzahlen erreicht werden.

Ebene 3: Die ESG-Industrie selbst

Wer legt eigentlich fest, was als "nachhaltig" gilt und wie es gemessen wird? Zwei Ebenen sind zu unterscheiden: Standards (was muss berichtet werden) und Ratings (wie gut schneidet ein Unternehmen dabei ab).

Die Standards: EFRAG

Die europäischen Nachhaltigkeitsberichtsstandards (ESRS), auf denen die EU-Berichtspflicht CSRD beruht, wurden von der European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) im Auftrag der EU-Kommission entwickelt – einem Gremium, das nach eigener Beschreibung "verschiedene Stakeholder" zusammenbringt. Ursprünglich sollten ab 2024 rund 50.000 Unternehmen EU-weit berichtspflichtig werden (vorher: knapp 12.000). Im Zuge des "Omnibus"-Vereinfachungspakets 2025 wurde der Kreis der Berichtspflichtigen um rund 90 Prozent reduziert, die Pflichtdatenpunkte um 57–68 Prozent gekürzt. BELEGT (EU-Kommission, EFRAG, ESG Today)

Zur Einordnung
Die gleiche Behörde, die 2020–2023 ein umfangreiches, datenpunktreiches Berichtssystem aufbaute, wurde 2025 damit beauftragt, dieses System wieder drastisch zu verschlanken. Für die Wirtschaft ergibt das laut einer von EFRAG selbst in Auftrag gegebenen Kosten-Nutzen-Analyse eine geschätzte Ersparnis von 3,7–4,7 Mrd. € allein zwischen 2027 und 2031. BELEGT (ESG Today, EFRAG-Studie)

Die Ratings: ein unübersichtlicher Milliardenmarkt

Parallel zu den Berichtspflichten ist ein eigener Markt für ESG-Bewertungen entstanden. Marktführer sind MSCI, Sustainalytics (seit 2020 Teil von Morningstar), ISS ESG und S&P Global – die fünf größten Anbieter vereinen rund 65 Prozent des Marktvolumens auf sich.

12,7 Mrd. $
Marktvolumen ESG-Ratingdienste 2026, wachsend auf 18,9 Mrd. $ bis 2031
59
Aktive ESG-Ratinganbieter allein in der EU

BELEGT (Mordor Intelligence, Deloitte)

Problematisch: Die Ratings verschiedener Anbieter korrelieren nur schwach miteinander – Studien finden Korrelationskoeffizienten zwischen 0,3 und 0,55 (bei Bonitätsratings von Moody's/S&P liegt die Vergleichsgröße bei 0,99). Ein und dasselbe Unternehmen kann bei MSCI top und bei Sustainalytics durchfallen, oder umgekehrt. Volkswagen etwa erhielt sowohl von MSCI (Klasse CCC, "Laggard") als auch von Sustainalytics (Kategorie "Severe") die jeweils schlechteste Bewertung im DAX. BELEGT (netfed.de, MIT-Sloan-Studie, Mordor Intelligence)

Interessenkonflikt anerkannt: Die EU selbst hat das Problem struktureller Interessenkonflikte bei Ratingagenturen erkannt: Seit 2025 verbietet die EU-ESG-Ratings-Verordnung Anbietern wie ISS ESG und Sustainalytics, gleichzeitig Beratungsleistungen für die von ihnen bewerteten Unternehmen anzubieten. Geschätzte Compliance-Kosten: 2–5 Mio. € jährlich pro großem Anbieter. BELEGT (Mordor Intelligence, EU-Verordnung 2024/3005)

Wer profitiert – unabhängig von Motiven

Ohne einzelnen Akteuren eine Absicht zu unterstellen, lässt sich strukturell festhalten, wer an der wachsenden Komplexität des ESG-Systems verdient:

Dummheit oder Absicht?

Die Frage lässt sich mit den vorliegenden Fakten nicht abschließend beantworten – und dunkelfeld.report unterstellt grundsätzlich keine Motive ohne direkte Beleglage. Was sich aber sagen lässt:

Die Schlussfolgerung, ob es sich um Kurzsichtigkeit, Selbstbedienung einer Beraterindustrie oder eine gewollte Umverteilung von Wettbewerbsfähigkeit handelt, liegt beim Leser. Was belegt ist: Ein System, das gleichzeitig bestraft, subventioniert, verkompliziert und wieder vereinfacht wird, produziert für alle Beteiligten außer dem Kerngeschäft selbst – Standardsetzer, Ratingagenturen, Berater – ein stabiles Auskommen.
Quellen
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