Am 17. Juli 2026 präsentierte die EU-Kommission ihren Electrification Action Plan. Ziel: Der Anteil von Strom am gesamten Energieverbrauch soll von aktuell 23 Prozent auf 46 Prozent bis 2040 steigen. Verkauft wird das als Befreiungsschlag von fossilen Importen – mit einem Sparpotenzial von bis zu 260 Milliarden Euro jährlich.
Die zentrale Frage, die in der Berichterstattung selten gestellt wird: Wie soll dieser Umbau finanziert werden, wenn Strom in Deutschland schon heute zu den teuersten in Europa gehört? Die Antwort führt zu einem Strukturmerkmal, das Deutschland von fast allen relevanten Nachbarn unterscheidet.
Die offizielle Erzählung ist stimmig: Wenn erneuerbarer Strom künftig Öl, Gas und Kohle ersetzt, sinkt die Importabhängigkeit. Energiekommissar Dan Jørgensen formulierte es so, dass die Ära der fossilen Energien zu Ende gehe. Das ist plausibel – solange man den Preis für den Strom selbst außen vor lässt.
Hier wird es konkret. Die deutschen Terminmarkt-Strompreise lagen im Frühjahr 2026 zeitweise beim Vierfachen des französischen Niveaus. Für das gesamte Jahr 2026 wurden französische Strom-Futures an der European Energy Exchange rund 27 Prozent günstiger gehandelt als die deutschen Kontrakte. Der von Bloomberg berichtete Befund ist eindeutig: Frankreichs Strom stammt größtenteils aus Kernkraft, was eine stabile, günstige Versorgung ermöglicht – Deutschland ist nach dem Reaktor-Aus 2023 stärker von fossilen Energieträgern und Zukäufen abhängig.
Konkret in Zahlen: Der deutsche Industriestrompreis lag 2025 im Schnitt bei 18,31 Cent/kWh, Haushalte zahlten 39,69 Cent/kWh. Im EU-Vergleich lag Deutschland bei Industriestrom deutlich über Frankreich, Dänemark und Tschechien.
Deutschland schaltete im April 2023 seine letzten drei Reaktoren ab. Damit steht das Land in einer auffälligen Minderheit unter den europäischen Industrienationen:
Der Punkt ist nicht, ob Atomkraft ökonomisch oder ökologisch „besser" ist – dazu später mehr. Der Punkt ist strukturell: Der Elektrifizierungsplan verlangt eine Verdopplung des Stromverbrauchs ausgerechnet in einem Land, das sich als einziges großes Mitglied vollständig von einer grundlastfähigen, CO₂-armen Erzeugungsform verabschiedet hat – während die Nachbarn, auf deren Netz und Strommarkt Deutschland zunehmend angewiesen ist, in die entgegengesetzte Richtung investieren.
Drei Gruppen stehen strukturell auf der Gewinnerseite einer Politik, die fossile Energieträger über CO₂-Preise, Steuern und Netzentgelte künstlich verteuert, statt den Umbau über echten Marktwettbewerb zu organisieren:
1. Der französische Staatskonzern EDF, seit Juni 2023 vollständig verstaatlicht, profitiert von einem regulierten Preissystem, das Investitionssicherheit für neue Reaktoren schafft – auf Kosten der Stromkunden in Nachbarländern, die ohne eigene Grundlastkapazität auf Importe angewiesen sind.
2. Betreiber von Netzinfrastruktur und Umstiegstechnologie (Ladesäulen, Wärmepumpen-Hersteller, Netzausbau-Konzerne) profitieren von garantierten Absatzmärkten durch verbindliche EU-Quoten.
3. Die EU-Kommission selbst gewinnt an regulatorischer Reichweite: Ein verbindlicher Elektrifizierungspfad mit Sektorquoten verschiebt Investitionsentscheidungen von Marktakteuren auf Brüsseler Zielvorgaben.
Es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Elektrifizierungsplan gezielt gegen Deutschland gerichtet ist oder dass einzelne Akteure bewusst kollaborieren, um deutsche Verbraucher zu belasten. Was sich belegen lässt, ist ein struktureller Befund: Eine EU-weit einheitliche Verdopplungsquote trifft auf höchst unterschiedliche nationale Ausgangslagen. Deutschland hat sich – demokratisch legitimiert – für den vollständigen Atomausstieg entschieden, während die meisten industriellen Wettbewerber im europäischen Strommarkt in die Gegenrichtung investieren. Wer die Kosten dieser Entscheidung trägt, wenn europaweite Elektrifizierungsquoten verbindlich werden, ist keine abstrakte Frage – sondern eine, die sich in den Terminmarktpreisen bereits heute ablesen lässt.