Wer kontrolliert wen? · Cui Bono
Zwei Männer wollten den Umbau anders. Beide wurden erschossen bzw. in die Luft gesprengt. Beide Fälle: bis heute ungeklärt.
Alfred Herrhausen, Chef der Deutschen Bank, und Detlev Rohwedder, Präsident der Treuhandanstalt — zwei zentrale Figuren der deutschen Wiedervereinigungsökonomie, ermordet innerhalb von 17 Monaten. Offiziell: RAF. Ungeklärt: bis heute. Wir trennen, was belegt ist, von dem, was Spekulation bleibt — und fragen, wem der jeweilige Kurswechsel, den beide Männer verhindert hätten, am Ende genutzt hat.
01 — Der Fall Herrhausen: Der Banker, der die Regeln ändern wollte
Alfred Herrhausen war seit 1988 alleiniger Vorstandssprecher der Deutschen Bank. International bekannt wurde er, weil er 1987 auf einer IWF-Jahrestagung in Washington öffentlich einen weitreichenden Schuldenerlass für hochverschuldete Entwicklungsländer forderte — ein Vorstoß, der in der eigenen Bank und in der angloamerikanischen Finanzwelt auf erbitterten Widerstand stieß.
Am 30. November 1989 wurde Herrhausens gepanzerte Limousine in Bad Homburg durch einen ferngezündeten Sprengsatz zerstört, der an einem Fahrrad am Straßenrand befestigt war. Herrhausen starb noch am Unfallort, sein Fahrer überlebte leicht verletzt. Die RAF bekannte sich zur Tat.
Faktenbox
Herrhausens Nachfolger Hilmar Kopper ließ die Idee eines Schuldenerlasses für die Dritte Welt umgehend fallen. Kein Deutsche-Bank-Chef nach Herrhausen hat sich seither öffentlich in vergleichbarer Schärfe gegen die Politik von IWF oder Weltbank positioniert. Das ist dokumentiert — die Kausalität dahinter nicht.
02 — Der Fall Rohwedder: Der Treuhand-Chef, der die Linie ändern wollte
Detlev Karsten Rohwedder übernahm im August 1990 die Leitung der Treuhandanstalt — jener Behörde, die rund 8.000 ehemalige DDR-Staatsbetriebe privatisieren oder abwickeln sollte. Rohwedder positionierte sich zunehmend gegen die reine Schnellabwicklungslogik und für den Erhalt sanierungsfähiger Betriebe durch Auffanggesellschaften.
In der Nacht zum 1. April 1991 wurde er von einem Scharfschützen erschossen, der aus einem gegenüberliegenden Kleingarten auf sein Wohnhaus in Düsseldorf feuerte. Auch hier: ein RAF-Bekennerschreiben, unterzeichnet mit "Kommando Ulrich Wessel". Auch hier: bis heute kein verurteilter Täter.
Faktenbox
Rohwedders Witwe Hergard äußerte später öffentlich die Vermutung, ihr Mann sei kurz zuvor auf der Spur des verschwundenen SED-Parteivermögens gewesen. Die Treuhand selbst schloss 1994 mit 260–270 Milliarden DM Schulden ab — bei einem Auftrag, der ursprünglich Vermögenswerte verwalten und mehren sollte.
Zwei Männer an zwei zentralen Schalthebeln der Wende-Ökonomie. Beide mit einem Kurs, der von der jeweils etablierten Linie abwich. Beide tot, bevor sie ihren Kurs durchsetzen konnten.
03 — Cui bono: Wer hätte profitiert?
Die cui-bono-Frage bezieht sich hier nicht auf mutmaßliche Täter, sondern auf Interessenlagen, die von beiden Todesfällen unabhängig existierten und durch sie begünstigt wurden:
- Internationale Gläubigerbanken und IWF-Linie: Herrhausens Schuldenerlass-Vorstoß hätte etablierte Kreditlogiken infrage gestellt. Nach seinem Tod verschwand das Thema von der Agenda deutscher Großbanken für Jahrzehnte.
- Schnellprivatisierungs-Interessen im Ost-Umbau: Wer an zügiger Zerschlagung, Betriebsschließung und Grundstücksverwertung verdiente, hatte kein Interesse an Rohwedders Kurswechsel Richtung Sanierung. Die Treuhand fuhr nach seinem Tod unter Birgit Breuel den Abwicklungskurs konsequent weiter.
- Politische Beruhigung: Beide Morde wurden schnell und vollständig der RAF zugeschrieben — einer Organisation, die zu diesem Zeitpunkt bereits stark geschwächt war. Das lieferte eine griffige, politisch unkomplizierte Erklärung.
Dangerbox
Wichtig: Eine begünstigte Interessenlage ist kein Beweis für Auftraggeberschaft. Aus "X profitierte" folgt nicht "X hat beauftragt". Diese Unterscheidung ist hier zentral — und wird in reißerischer Berichterstattung regelmäßig verwischt.
04 — Was tatsächlich bekannt ist — und was nicht
Justizielle Realität: In beiden Fällen wurde nie ein Gericht mit einer Verurteilung befasst. Die Bekennerschreiben wurden nie durch eine rechtskräftige Täterermittlung bestätigt. Im Fall Rohwedder ermittelten Behörden zeitweise auch in Richtung einer möglichen Stasi-Beteiligung oder -Unterstützung der RAF — belegt ist das nicht, es bleibt eine unter mehreren geprüften Spuren.
Fairnessbox
Die offizielle Version — RAF-Einzeltäterschaft im Rahmen der "dritten Generation" — ist die von Bundesanwaltschaft und Sicherheitsbehörden vertretene Linie und stützt sich auf die vorgefundenen Bekennerschreiben sowie kriminaltechnische Spuren. Zweifel daran sind in der Forschung und im Journalismus dokumentiert, aber nicht abschließend bewiesen. Wer eine alternative Tätertheorie als gesichert darstellt, verlässt den Boden der Fakten ebenso wie jemand, der jede Nachfrage an der offiziellen Version pauschal als Verschwörungsdenken abtut. Beide Fälle bleiben, nach Aktenlage, ungeklärt.
05 — Die strukturelle Lehre
Unabhängig vom Ausgang der Ermittlungen zeigt sich ein Muster, das sich belegen lässt: An zwei Schlüsselstellen der deutschen Wende-Ökonomie — internationale Schuldenpolitik und Ost-Privatisierung — standen Männer, die von der jeweils dominanten Linie abweichen wollten. Beide starben, bevor sie ihre Position durchsetzen konnten. Die jeweilige Nachfolge kehrte in beiden Fällen zur ursprünglichen, unveränderten Linie zurück. Das ist der dokumentierte Teil der Geschichte — und er allein wirft genug Fragen auf, ohne dass es einer unbelegten Tätertheorie bedürfte.
Quellen:
- Bundesfinanzministerium: Detlev Rohwedder und die Treuhand
- bpb.de — Hintergrund aktuell: Vor 30 Jahren: Ermordung von Alfred Herrhausen
- Haus der Geschichte (hdg.de) — LeMO Biografie: Alfred Herrhausen
- FragDenStaat.de — Polizeiakten zum Mordfall Rohwedder
- Wikipedia: Detlev Karsten Rohwedder / Treuhandanstalt (mit Quellenangaben zu Ermittlungsstand)
dunkelfeld.report — Wer kontrolliert wen?