Dossier · Institutionen

Auf wessen Schultern stehen wir?

Wie aus Behördenversagen Vertrauensinstitutionen wurden — und was die Geschichte darüber sagt. RKI · PEI · Leopoldina · BIÖG · 1891–2025

Zeitraum 1891–2025
Quellen Primär
Stand Juni 2026
Format Dossier

Wann wurde aus einer Behörde eine Institution des Vertrauens — und warum sollte man das hinterfragen?

Inhalt
  1. Die Gründer
  2. RKI im Nationalsozialismus
  3. Aus dem Versagen geboren
  4. Wiederkehrende Muster
  5. Ausgewählte Personen
  6. Leopoldina-Führung: Chronologie
  7. Das BMI-Panikpapier
  8. Lauterbachs Erbe: BIÖG
  9. Gesamtchronologie
  10. Offene Fragen

Die Gründer

Institutionen tragen Namen. Namen tragen Geschichte.

Robert Koch (1843–1910) — Namensgeber RKI

Robert Koch gilt als Begründer der modernen Bakteriologie. Er identifizierte den Erreger der Tuberkulose (1882), des Milzbrands und der Cholera. 1905 erhielt er den Nobelpreis für Medizin. Das sind unbestrittene wissenschaftliche Leistungen.

Ab 1905 unternahm Koch im Auftrag des Deutschen Reichs Forschungsreisen nach Ostafrika zur Bekämpfung der Schlafkrankheit. Was dort geschah, hat das RKI selbst als „das dunkelste Kapitel seiner Laufbahn" bezeichnet.

Koch hat Verbrechen in Auftrag gegeben, für die er sich nie rechtfertigen musste.

Philipp Osten, Leiter des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin Hamburg — Tagesspiegel, 2020

Koch ließ Patienten auf den Sese-Inseln im Viktoriasee gegen ihren Willen mit dem hochgiftigen Mittel Atoxyl behandeln. Viele der inhaftierten Patienten erblindeten, jeder zehnte starb. Koch selbst beschrieb diese Zeit als „glückliche Tage" und „ungestörte Forschungsbedingungen".

Der politische Auftrag ist dokumentiert: Koch sollte die Arbeitskraft der einheimischen Bevölkerung für die koloniale Wirtschaft sicherstellen. Koch forderte laut historischen Quellen die Einrichtung von „Concentration Camps, wie sie die Engländer nennen".

BELEGT Menschenversuche mit Atoxyl in Ostafrika, Erblindungen und Todesfälle
RKI-Eigenaussage „dunkelste Kapitel"; Historiker Philipp Osten und Jürgen Zimmerer, Tagesspiegel 09.08.2020; Reichsarchiv R 1001/5889
BELEGT Kein informiertes Einverständnis der Patienten — koloniale Machthierarchie dokumentiert
Historischer Augenblick, Oktober 2024; Akademische Quellenforschung zu Kochs Ostafrika-Reisen

Seit 2020 gibt es Forderungen von Historikern nach einer Umbenennung des Instituts. Das RKI trägt den Namen bis heute.

Paul Ehrlich (1854–1915) — Namensgeber PEI

Paul Ehrlich erhielt 1908 den Nobelpreis für Medizin. Mit der Arsenverbindung Salvarsan entwickelte er das erste gezielte Chemotherapeutikum — das erste wirksame Mittel gegen Syphilis und Grundlage aller modernen Antibiotika.

Die klinische Prüfung von Salvarsan umfasste nach zeitgenössischen Quellen Versuche mit den Insassen von Irrenanstalten. Ein informiertes Einverständnis existierte nicht.

BELEGT Klinische Tests mit Insassen psychiatrischer Anstalten dokumentiert
Medizinhistorische Quellen; Hoechst-Firmengeschichte; Apotheken-Umschau 2024

Ehrlich war Jude. In der NS-Zeit wurde sein Werk unterdrückt, sein Name aus deutschen Publikationen getilgt. Das Paul-Ehrlich-Institut trägt seinen Namen seit 1947 — als bewusste Rehabilitierung nach dem Nationalsozialismus.

Die Leopoldina (gegr. 1652) — 370 Jahre, drei Regime

Gegründet 1652 in Schweinfurt — älteste dauerhaft existierende Wissenschaftsakademie der Welt. Seit 2008 „Nationale Akademie der Wissenschaften". Bundesfinanziert (80% Bund, 20% Sachsen-Anhalt).

Die Frage, ob die Leopoldina in ihrer 370-jährigen Geschichte „sauber" war, lässt sich mit einem Wort beantworten: nein. Die Institution überlebte das Heilige Römische Reich, das Kaiserreich, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, die DDR und die Bundesrepublik. Jede Epoche hinterließ Spuren.

Leopoldina-Präsident Emil Abderhalden: Wissenschaft, NS und ein Jahrzehnte-Betrug

Emil Abderhalden (1877–1950) war von 1932 bis 1950 Präsident der Leopoldina — der am längsten amtierende Präsident der Akademiegeschichte. Sein Name steht für zwei parallele Skandale.

Die Abwehrfermente: Ab 1909 behauptete Abderhalden, spezifische Enzyme nachgewiesen zu haben, die bei immunologischen Reaktionen entstehen. Die „Abderhaldensche Reaktion" wurde jahrzehntelang in der klinischen Diagnostik angewandt — für Schwangerschaftstests, für die Diagnose psychischer Erkrankungen, für die Unterscheidung zwischen „arischen" und „nichtarischen" Blutproben im Dritten Reich.

BELEGT Abderhaldens Theorie war bereits in den 1910er Jahren international nicht reproduzierbar — in Deutschland hielt sie sich bis nach seinem Tod
Wikipedia: Emil Abderhalden; Fattahi: „Die Abwehrfermente: Ein langer Irrweg oder wissenschaftlicher Betrug?" (Diss. 2006)

Der Zeitzeuge Otto Westphal beschrieb Abderhaldens Werk gegenüber der Historikerin Ute Deichmann: „The whole Abwehrfermente story was a fraud from beginning to end." Ob vorsätzlicher Betrug oder wissenschaftliche Selbsttäuschung ist bis heute Gegenstand der Forschung. Eindeutig belegt ist: Wer Abderhaldens Ergebnisse nicht reproduzieren konnte, riskierte seine Karriere.

BELEGT Leonor Michaelis musste Deutschland verlassen nachdem er Abderhaldens Schwangerschaftstest als nicht reproduzierbar beschrieb — 1922
Wikipedia: Emil Abderhalden; HandWiki: Biography Emil Abderhalden

Die NS-Verbindung: Abderhaldens Theorie wurde von Otmar von Verschuer und Josef Mengele für Menschenversuche genutzt — um einen Bluttest zur Unterscheidung von „Ariern" und „Nicht-Ariern" zu entwickeln. Abderhalden selbst lieferte 1940 Blutproben von Zwillingen an Verschuer. Gleichzeitig war er als Leopoldina-Präsident für die Streichung jüdischer Mitglieder mitverantwortlich.

BELEGT Abderhaldens Reaktion wurde für Rassendiagnostik durch Mengele/Verschuer eingesetzt
HandWiki: Biography Emil Abderhalden; Wikipedia: Emil Abderhalden
BELEGT Abderhalden lieferte 1940 Zwillingsblut an Verschuer für „Abwehrfermente"-Versuche
Wikipedia: Emil Abderhalden (Englisch)

NS-Zeit: Streichungen und Ausmaß

Im Oktober/November 1938 erging ein Erlass des Reichserziehungsministers zur konsequenten Anwendung der Rassegesetze. In der Leopoldina erfolgte mehr als die Hälfte der Streichungen jüdischer Mitglieder am 30. November 1938 — ohne diese selbst zu verständigen.

BELEGT Insgesamt 94 Mitglieder aus politischen oder rassischen Gründen ausgeschlossen
Wikipedia: Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina; neueste Forschungen laut Wikipedia-Artikel
BELEGT Elf Leopoldina-Mitglieder verloren durch NS-Gewaltherrschaft ihr Leben — fast alle jüdischer Herkunft
Wikipedia: Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina

DDR: Überleben durch Anpassung

Die Leopoldina überlebte auch die DDR — als einzige gesamtdeutsche Wissenschaftsakademie mit Sitz in der SBZ/DDR. Wie das gelang, ist Teil der unabhängigen Studie, die die Leopoldina 2010 selbst in Auftrag gab.

BELEGT Leopoldina-Studie untersucht Geschichte in Weimarer Republik, NS, SBZ und früher DDR — finanziert durch Krupp-Stiftung, 2016 veröffentlicht
Leopoldina.org, Pressemitteilung 29.02.2016; Rüdiger vom Bruch, Sibylle Gerstengarbe, Jens Thiel: „Die Leopoldina" (be.bra Verlag, 2016)

Die Studie untersuchte, wie die Akademie durch die Systembrüche des 20. Jahrhunderts navigierte — ohne die Forschungsergebnisse hier vollständig wiedergeben zu können.

Aufarbeitung: Eigen-Initiative mit Grenzen

Die Leopoldina hat ihre NS-Geschichte mehrfach in Auftrag gegeben aufzuarbeiten — 1991 erste Abbitte durch Präsident Parthier, 2009 Gedenkstele, 2021 laufendes Forschungsprojekt. Das Aufarbeitungsprojekt 2021 ist noch nicht abgeschlossen.

EXTRAPOLATION Vollständiges Ausmaß der Verstrickung einzelner Mitglieder — laufende Forschung, nicht abgeschlossen
Leopoldina.org: Projekt „Biographische Studien im Nationalsozialismus" (VolkswagenStiftung, seit 2021)

RKI im Nationalsozialismus: Eigene Aufarbeitung

Das RKI ist die einzige der betrachteten Institutionen, die ihre NS-Geschichte aktiv und extern aufarbeiten ließ — finanziert aus eigenen Mitteln, durchgeführt von unabhängigen Historikern der Charité Berlin.

Das Forschungsprojekt 2006–2008

BELEGT 2006–2008: Charité-Historiker untersuchten RKI-Geschichte im NS im Auftrag des RKI selbst
erinnerungszeichen-rki.de/en/the-story/; Springer NTM Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften 2012

Was die Forschung ergab, formulierte das RKI selbst:

Vor Projektbeginn war bekannt, dass einzelne RKI-Wissenschaftler an inhumanen Menschenversuchen in Konzentrationslagern und psychiatrischen Einrichtungen beteiligt waren. Durch das Forschungsprojekt kam eine Reihe neuer Namen und Taten ans Licht. Deutlich wurde vor allem die damalige fast vollständige Durchdringung des RKI mit der NS-Ideologie — forschungsthematisch und personell.

RKI-Broschüre „Erinnerungszeichen", erinnerungszeichen-rki.de (Primärquelle)

RKI-Präsident Gildemeister: Treibende Kraft bei KZ-Versuchen

Die schwerwiegendste Einzelfeststellung betrifft den damaligen Institutsleiter direkt:

BELEGT RKI-Präsident Eugen Gildemeister stimmte für Infektionsversuche mit einkalkuliertem tödlichem Ausgang — und kann als treibende Kraft bezeichnet werden
RKI-Broschüre „Erinnerungszeichen" (Primärquelle, rki.de)

Eugen Gildemeister, der damalige Präsident des Robert Koch-Instituts, gehörte zu den Entscheidungsträgern und kann durchaus als treibende Kraft der Experimente bezeichnet werden. Gildemeister stimmte nicht nur für die Infektionsversuche mit einkalkuliertem tödlichem Ausgang, sondern stellte auch das zur künstlichen Infektion notwendige Erregermaterial zur Verfügung.

RKI-Broschüre „Erinnerungszeichen" — Eigenaussage des RKI (Primärquelle)

Zwölf Wissenschaftler und Mitarbeiter wurden identifiziert, die 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft aus dem Institut entlassen wurden.

BELEGT 12 namentlich identifizierte Entlassene jüdischer Herkunft 1933
erinnerungszeichen-rki.de — Podcast-Serie „Erinnerungszeichen" (Primärquelle)

Was das bedeutet

Das RKI trägt den Namen eines Mannes, dessen afrikanische Menschenversuche das Institut selbst als „dunkelste Kapitel" bezeichnet. Und sein NS-zeitlicher Präsident wird vom Institut selbst als „treibende Kraft" bei Todesexperimenten beschrieben. Beide Feststellungen stammen aus institutionseigenen Primärquellen.

RKI-Eigenaussagen: erinnerungszeichen-rki.de; Hinz-Wessels: „Das Robert Koch-Institut im Nationalsozialismus" (Kulturverlag Kadmos, 2008)

Aus dem Versagen geboren

Das heutige Robert Koch-Institut und das Paul-Ehrlich-Institut existieren in ihrer gegenwärtigen Form, weil eine Vorgängerbehörde versagte — so gravierend, dass ihre Auflösung unausweichlich wurde.

Das Bundesgesundheitsamt und der HIV-Blutskandal

Das Bundesgesundheitsamt (BGA) war die zentrale Gesundheitsbehörde der Bundesrepublik. In den frühen 1980er Jahren war bekannt, dass HIV durch Blut und Blutderivate übertragen werden kann — und dass Hämophile (Bluter) besonders gefährdet waren, weil ihre Gerinnungsfaktoren aus dem Blut von 2.000 bis 5.000 Spendern hergestellt wurden.

BELEGT BGA wusste ab 1982 von erhöhtem HIV-Risiko für Hämophile — keine Schutzmaßnahmen ergriffen
Bundesgesundheitsblatt, 12.12.1982; Wikipedia: Infektionen durch HIV-kontaminierte Blutprodukte
BELEGT BGA verschwieg dem Bundesgesundheitsministerium mindestens 373 Verdachtsfälle HIV-infizierter Blutprodukte
Ärzte Zeitung, Oktober 1993; Bundestagsuntersuchungsausschuss 1993/94
BELEGT 1.500 Bluter mit HIV infiziert, über 1.000 gestorben
Ärzte Zeitung, 12.07.2019

Dem tödlichen Drama war ein Jahrzehnt des Missmanagements in der obersten deutschen Gesundheitsbehörde vorausgegangen.

Die Konsequenz: Zerschlagung 1994

Am 9. Oktober 1993 kündigte Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer auf einer Sondersitzung des Bundestags-Gesundheitsausschusses die Auflösung des BGA an. Zum 1. Juli 1994 hörte das BGA auf zu existieren.

Aus seiner Zerschlagung entstanden vier neue Institute: das Robert Koch-Institut, das Paul-Ehrlich-Institut, das BfArM und das BgVV.

BELEGT RKI und PEI direkte Nachfolgebehörden des BGA nach dem HIV-Blutskandal
Ärzte Zeitung, 01.07.2019; RKI-Institutsgeschichte

Eine Umbenennung ist keine Reform.

Die institutionellen Mechanismen, die das Versagen des BGA ermöglichten — nachgeordnete Behörde des Gesundheitsministeriums, politische Weisungsgebundenheit, fehlende externe Kontrolle — wurden in den Nachfolgeinstitutionen strukturell fortgeschrieben.

EXTRAPOLATION Strukturelle Kontinuität zwischen BGA-Versagen und späteren Problemen — als Systemfrage dokumentierbar, nicht direkt beweisbar

Wiederkehrende Muster

STIKO: Interessenkonflikte

Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut berät die Bundesländer in Impffragen.

BELEGT Von 16 STIKO-Mitgliedern nur 3 ohne Pharma-Verbindungen (Stand: Schweinegrippe-Ära)
Frankfurter Rundschau; RKI-Eigenveröffentlichung Interessenkonflikte

Der Rest unterhielt dokumentierte Verbindungen: Mitgliedschaft in von Impfstoffherstellern unterstützten Gremien, gemeinsame Impfstudien mit Herstellern, bezahlte Vorträge, Publikationen in teilweise herstellerfinanzierten Medien.

Schweinegrippe 2009: Pandemiestufe 6

2009 rief die WHO die Pandemiestufe 6 aus — die höchste Stufe. RKI und andere Institutionen kommunizierten entsprechende Warnungen. Das Ergebnis:

Wäre die Pandemiestufe 6 nicht ausgerufen worden, dann hätten wir nichts davon bemerkt. Und wir hätten gesagt: Das war aber jetzt ein milder Verlauf.

Prof. Dr. Ulrich Keil, Epidemiologe Universität Münster — ARD-Dokumentation
BELEGT Schwere Nebenwirkungen Schweinegrippe-Impfung nachträglich bestätigt
Der Spiegel, 13.05.2016: „Schaden nach Schweineimpfung"

Leopoldina: Lockdown-Empfehlungen 2020/21

Die Leopoldina veröffentlichte mehrere Ad-hoc-Stellungnahmen, die direkt in politische Entscheidungen zu Lockdowns und Schulschließungen einflossen.

BELEGT Autorenschaft der Lockdown-Stellungnahmen nicht transparent kommuniziert
Leopoldina.org: keine vollständige Autorenliste in den Ad-hoc-Stellungnahmen
NICHT BELEGT Bewusste politische Steuerung der Empfehlungen — aus öffentlichen Quellen nicht belegbar

RKI-Protokolle 2024

Nach einem OVG-Urteil 2024 wurden interne Protokolle des RKI-Krisenstabes veröffentlicht. Sie dokumentieren Diskrepanzen zwischen internen Lageeinschätzungen und öffentlicher Kommunikation.

BELEGT OVG-Urteil 2024 erzwang Veröffentlichung interner RKI-Protokolle
OVG-Urteil 2024; FragDenStaat.de
EXTRAPOLATION Bewertung des Ausmaßes und der Ursachen der Diskrepanzen — noch nicht abschließend geklärt

Ausgewählte Personen

Positionen — vorher, während, nachher. Keine Kommentare.

Joachim Sauer
Quantenchemiker · Leopoldina-Mitglied seit 2007
ZeitraumPosition / Funktion
1977–1991Akademie der Wissenschaften der DDR, Berlin-Adlershof
1993–2017Professor Humboldt-Universität Berlin, Physikalische und Theoretische Chemie
1998Heirat Angela Merkel
2005–2021Ehefrau: Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland
2007Aufnahme Leopoldina, Sektion Chemie
2007–Kuratoriumsmitglied Bundesanstalt für Materialforschung (BAM)
2011–Kuratoriumsmitglied Friede-Springer-Stiftung
2017–Emeritus / Senior Researcher Humboldt-Universität
Leopoldina-Mitgliederverzeichnis; Chemie-Schule.de; Wikipedia

Angela Merkel öffentlich über Sauer: „ein wirklich guter Ratgeber"

George Fu Gao
Direktor China CDC · Leopoldina-Mitglied seit Juli 2020
ZeitraumPosition / Funktion
2008–Direktor, CAS Key Laboratory of Pathogenic Microbiology, Peking
2010–Visiting Professor, University of Oxford
2011–2017Stellvertretender Generaldirektor, China CDC
2017–2022Generaldirektor, China CDC, Peking
2018–Vizepräsident, National Natural Science Foundation of China (NSFC)
Okt. 2019Einziger China-Vertreter bei Event 201 (Johns Hopkins / Gates-Stiftung / WEF)
Jan. 2020Einer der ersten Forscher in Wuhan
Juli 2020Aufnahme Leopoldina — während laufender Pandemie
Leopoldina.org/mitgliederverzeichnis; Yicai Global, 08.07.2020; reitschuster.de, 07.03.2021
BELEGT Leopoldina-Mitgliedschaft und alle genannten Positionen verifizierbar über offizielle Quellen
Heinz Bude
Soziologe · Mitautor BMI-Panikpapier 2020
ZeitraumPosition / Funktion
–2020Professor für Makrosoziologie, Universität Kassel
14.03.2020Anruf von Staatssekretär Markus Kerber (BMI) — Beitritt zur Taskforce
März 2020Mitautor BMI-Strategiepapier „Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen"
2020–2022Fortlaufende Regierungsberatung Corona
Aug. 2020Gründungsdirektor documenta-Institut Kassel
2022Fachaufsatz: „Aus dem Maschinenraum der Beratung" — Soziologie, Heft 3
Jan. 2024Öffentliche Aussage, Universität Graz (s.u.)

Wir mussten ein Modell finden, um Folgebereitschaft herzustellen, das so ein bisschen wissenschaftsähnlich ist.

Heinz Bude, Podiumsdiskussion Universität Graz, 24. Januar 2024

Man wird Zwang ausüben müssen auf Leute, die sagen: 'Ich hab aber andere Informationen.'

Heinz Bude, 2024
BELEGT Beide Zitate: öffentliche Veranstaltungen, nicht dementiert
Hintergrund.de, 27.03.2024; Corrigenda.online, 03.03.2024; Wikipedia: Strategiepapier des BMI

Leopoldina-Führung: Wer war wann

AmtszeitNameFachrichtungAnmerkung
2010–2020Jörg HackerMikrobiologe2 Amtszeiten
1. März 2020Gerald HaugPaläoklimatologe, ETH Zürich / Max-PlanckAmtsantritt = WHO-Pandemienotstand
1. März 2025Bettina RockenbachVerhaltensökonomin, Uni KölnErste Frau an der Spitze

Gerald Haug: Anfang 2026 wurde er in den Rat für Nachhaltige Entwicklung berufen, zu dessen Vorsitzendem er am 11. Februar 2026 gewählt wurde.

Vizepräsidenten — Wechsel September 2025

AmtNeu (ab 2025)Vorgänger
VizepräsidentThomas Lengauer (Mathematik/Informatik)Robert Schlögl (Chemiker, 5 Jahre)
VizepräsidentThomas Boehm (Immunbiologie)Ulla Bonas (Pflanzengenetik, seit 2015)
PräsidiumFerdi Schüth (Chemie/Katalyse)
Vizepräsident MedizinThomas Krieg (bis 2029 bestätigt)
Leopoldina-Pressemitteilung, 25.09.2025

Strukturelle Beobachtung

ZeitpunktEreignis
1. März 2020Haug übernimmt Präsidentschaft — selber Monat wie WHO-Pandemienotstand
Juli 2020Georg Fu Gao (China CDC) wird Leopoldina-Mitglied — während laufender Pandemie
2020/21Leopoldina gibt Lockdown-Empfehlungen — Haug als Präsident
Feb. 2025Haug gibt Präsidentschaft ab — kurz nach Lauterbachs BIÖG-Erlass
März 2025Rockenbach übernimmt
Feb. 2026Haug wird Vorsitzender Rat für Nachhaltige Entwicklung

Das BMI-Panikpapier

März 2020: Das Bundesinnenministerium (Minister: Horst Seehofer, CSU) ließ ein vertrauliches Strategiepapier ausarbeiten. Titel: „Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen". Klassifizierung: VS – Nur für den Dienstgebrauch. Am 1. April 2020 durch FragDenStaat veröffentlicht.

Offiziell bestätigte Autorenliste

BELEGT Autorenliste aus offizieller Bundesregierungsantwort auf Kleine Anfrage der AfD (Drucksache 19/28063)
NameInstitution
Prof. Dr. Boris AugurzkyRWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung
Dr. Hubertus BardtInstitut der Wirtschaft Köln
Prof. Dr. Heinz BudeUniversität Kassel (Soziologie)
Roland DöhrnRWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung
Prof. Dr. Michael HütherInstitut der Wirtschaft Köln
Otto KölblUniversität Lausanne (Germanistik-Doktorand)
Dr. Maximilian MayerUniversity of Nottingham China (UNNC)
Prof. Dr. Christoph M. SchmidtRWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung
BMI-IFG-Antwort, FragDenStaat.de; Bundestagsdrucksache 19/28063

Otto Kölbl wurde in der Welt als „Mao-Fan" bezeichnet; er verfasste insbesondere Passagen zur „Schockwirkung" und Angstkommunikation. Die Bundesregierung distanzierte sich von diesem Abschnitt — ohne die Veröffentlichung zurückzuziehen.

Laut Bundesregierung handelte es sich um Wissenschaftler, die „auf Anregung aus dem BMI und pro bono in eigener inhaltlicher Verantwortung" tätig wurden.

Lauterbachs Erbe: Das BIÖG

Februar 2025, zwei Wochen vor der Bundestagswahl: Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach schafft ein neues Institut.

BELEGT Gesetz zur BIÖG-Gründung scheiterte durch Ampelbruch — Institut dann per Ministererlass realisiert
Deutsches Ärzteblatt, 11.02.2025 und 13.02.2025
BELEGT BIÖG = umbenannte BZgA + Kooperationsvereinbarung mit RKI — keine echte Neugründung
Apotheke Adhoc, 13.02.2025; AOK-Pressedienst

Das ist ein Schlag ins Gesicht der Beschäftigten von BZgA und RKI. Minister Lauterbach will am Parlament vorbei Tatsachen schaffen.

Tino Sorge, gesundheitspolitischer Sprecher CDU/CSU — Deutsches Ärzteblatt, 11.02.2025
BELEGT Finanzierung des BIÖG zum Zeitpunkt der Gründung ungeklärt
CDU/CSU-Fraktionserklärung; Deutsches Ärzteblatt, 11.02.2025

1994: BGA wird nach Skandal zerschlagen — neue Behörden entstehen. 2025: BZgA wird per Ministererlass umbenannt. Die Strukturfrage stellt sich erneut.

Gesamtchronologie

JahrEreignisInstitutionStatus
1891Gründung Kaiserliches Gesundheitsamt (RKI-Vorläufer)RKI-VorläuferBELEGT
1905–07Kochs Menschenversuche mit Atoxyl in Ostafrika — Erblindungen, ToteKoch / RKI-NamensgeberBELEGT
1909Abderhalden (Leopoldina-Präsident ab 1932) publiziert nicht reproduzierbare „Abwehrfermente"-TheorieAbderhalden / LeopoldinaBELEGT
1910Salvarsan-Tests mit Insassen psychiatrischer AnstaltenEhrlich / PEI-NamensgeberBELEGT
1922Leonor Michaelis muss Deutschland verlassen nach Kritik an Abderhaldens ErgebnissenLeopoldina-UmfeldBELEGT
1932Abderhalden wird Leopoldina-PräsidentLeopoldinaBELEGT
1933RKI: 12 Mitarbeiter wegen jüdischer Herkunft entlassenRKIBELEGT
1938Leopoldina streicht 94 Mitglieder aus politischen/rassischen GründenLeopoldinaBELEGT
1940Abderhalden liefert Zwillingsblut an Verschuer für Rassendiagnostik-VersucheLeopoldina / AbderhaldenBELEGT
1941RKI-Präsident Gildemeister: treibende Kraft bei KZ-Infektionsversuchen mit einkalkuliertem TodRKIBELEGT
1938Leopoldina streicht jüdische Mitglieder per NS-Erlass — ohne BenachrichtigungLeopoldinaBELEGT
1947Umbenennung in Paul-Ehrlich-Institut als RehabilitierungPEIBELEGT
1982BGA informiert über HIV-Risiko für Bluter — keine MaßnahmenBGABELEGT
1993HIV-Blutskandal publik — 1.500 Infizierte, 1.000+ ToteBGABELEGT
1994BGA aufgelöst → RKI + PEI als Nachfolger gegründetRKI / PEIBELEGT
2007Joachim Sauer (Ehemann Merkels) wird Leopoldina-MitgliedLeopoldinaBELEGT
2009Schweinegrippe: Pandemiestufe 6 — nachträglich als unverhältnismäßig bewertetWHO / RKIBELEGT
1. März 2020Gerald Haug übernimmt Leopoldina-PräsidentschaftLeopoldinaBELEGT
März 2020BMI-Panikpapier — 8 Autoren, darunter Bude und KölblBMIBELEGT
Juli 2020Georg Fu Gao (China CDC) wird Leopoldina-MitgliedLeopoldinaBELEGT
2020/21Leopoldina-Lockdown-Empfehlungen ohne transparente AutorenschaftLeopoldinaBELEGT
2021Leopoldina startet NS-Aufarbeitungsprojekt (VolkswagenStiftung)LeopoldinaBELEGT
2024OVG-Urteil: RKI-Protokolle müssen veröffentlicht werdenRKIBELEGT
Jan. 2024Bude öffentlich: „Folgebereitschaft durch wissenschaftsähnliches Modell"BELEGT
1. März 2025Haug übergibt an RockenbachLeopoldinaBELEGT
13. Feb. 2025BIÖG per Ministererlass — 2 Wochen vor BundestagswahlBIÖGBELEGT
Feb. 2026Haug wird Vorsitzender Rat für Nachhaltige EntwicklungBELEGT

Offene Fragen

Dieses Dossier endet nicht mit Antworten.

Zur Institutionsgeschichte

  • Warum trägt das Robert Koch-Institut den Namen eines Mannes, dessen eigene Nachfolgebehörde dessen Vorgehen als „dunkelste Kapitel" bezeichnet?
  • Wann ist eine Aufarbeitung abgeschlossen — und wer entscheidet das?
  • Ist eine Behörde, die aus dem Versagen ihrer Vorgängerin entstand, strukturell in der Lage, das Versagen zu vermeiden, das jene Vorgängerin kennzeichnete?

Zur Unabhängigkeit

  • Wie unabhängig ist eine nachgeordnete Bundesbehörde von dem Ministerium, dem sie nachgeordnet ist?
  • Wie unabhängig ist ein Expertengremium, dessen Mehrheit dokumentierte Verbindungen zur Industrie unterhält, deren Produkte es empfehlen soll?
  • Wie unabhängig ist eine Akademie, deren Empfehlungen direkt in politische Entscheidungen einfließen, wenn die Zusammensetzung der Autorengruppen nicht öffentlich kommuniziert wird?

Zur Gegenwart

  • Was unterscheidet die Umbenennung des BGA in RKI und PEI 1994 von der Umbenennung der BZgA in BIÖG 2025?
  • Was sind die inhaltlichen Unterschiede zwischen den internen RKI-Protokollen 2020/21 und der öffentlichen Kommunikation — und wer trägt dafür Verantwortung?
  • Welche Lehren hat Deutschland aus dem HIV-Blutskandal institutionell gezogen — und sind diese Lehren strukturell verankert oder personenabhängig?

Quellenverzeichnis

Alle verwendeten Quellen sind primär oder zeithistorisch belegt. Meinungsbeiträge sind als solche gekennzeichnet.

RKI / Koch / NS-Aufarbeitung

erinnerungszeichen-rki.de/en/the-story/ — RKI-Erinnerungszeichen (Primärquelle)
rki.de: „Erinnerungszeichen" Broschüre (PDF, Primärquelle — enthält Gildemeister-Zitat)
Hinz-Wessels, Annette: „Das Robert Koch-Institut im Nationalsozialismus" (Kulturverlag Kadmos, Berlin 2008)
Hulverscheidt/Laukötter (Hg.): „Infektion und Institution" (2009)
Tagesspiegel, 09.08.2020: „Die zwielichtige Karriere des Dr. Robert Koch"
Historischer Augenblick, Oktober 2024: „Robert Koch in Ostafrika"
Reichsarchiv R 1001/5889 (Kolonialamt-Dokumente)

BGA / HIV-Blutskandal

Ärzte Zeitung, Oktober 1993: „HIV-Skandal um Blutprodukte"
Ärzte Zeitung, 12.07.2019: „Der Aids-Skandal und die Zerschlagung des BGA"
Wikipedia: Infektionen durch HIV-kontaminierte Blutprodukte (mit Quellenapparat)
Bundestagsuntersuchungsausschuss 1993/94

Leopoldina

Wikipedia: Emil Abderhalden (Deutsch + Englisch)
HandWiki: Biography Emil Abderhalden (Mengele/Verschuer-Verbindung)
Fattahi: „Die Abwehrfermente: Ein langer Irrweg oder wissenschaftlicher Betrug?" (Diss. 2006)
Rüdiger vom Bruch, Sibylle Gerstengarbe, Jens Thiel: „Die Leopoldina" (be.bra Verlag, 2016)
Akademien der Wissenschaften in der NS-Zeit, Wikipedia (Tagungsband „Die Elite der Nation")
Gerstengarbe/Hallmann/Berg in: 350 Jahre Leopoldina (2002)
leopoldina.org: Projekt „Biographische Studien im Nationalsozialismus" (VolkswagenStiftung, 2021)
leopoldina.org: Ad-hoc-Stellungnahmen 2020/2021 (öffentlich archiviert)
leopoldina.org/mitgliederverzeichnis — Joachim Sauer, George F. Gao, Emil Abderhalden
Leopoldina-Pressemitteilung, 25.09.2025: Neue Vizepräsidenten
Yicai Global, 08.07.2020: „Germany's National Academy Makes China's CDC Director a Member"

Schweinegrippe / STIKO

ARD Monitor: „Milliardengrab Schweinegrippe: Wer steuert die WHO?"
Frankfurter Rundschau: STIKO-Interessenkonflikte
Spiegel, 13.05.2016: „Schaden nach Schweineimpfung"

RKI-Protokolle 2024

OVG-Urteil 2024 — recherchierbar über FragDenStaat.de
FragDenStaat.de: Veröffentlichte RKI-Protokolle

BMI-Panikpapier

FragDenStaat.de/dokumente/4123 — Strategiepapier (Primärdokument)
Bundestagsdrucksache 19/28063 — Antwort der Bundesregierung (Autorenliste)
Wikipedia: Strategiepapier des Bundesinnenministeriums zur Corona-Pandemie
Hintergrund.de, 27.03.2024: Bude räumt Angstkommunikation ein

BIÖG

Deutsches Ärzteblatt, 11.02.2025 und 13.02.2025
Apotheke Adhoc, 13.02.2025
AOK-Pressedienst: „Lauterbach setzt Präventionsinstitut per Erlass durch"
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