Dossier 005 · Staatliches Versagen · Juni 2026

Das Kentler-Netzwerk

Wie der Berliner Senat Jahrzehnte lang Pflegekinder an verurteilte Pädokriminelle vermittelte — und welche Institutionen dazu schwiegen.
Quellenbasis: Primär Abschlussbericht Uni Hildesheim 2024 Aufarbeitungskommission des Bundes Taz · Emma · Tagesspiegel
~1965–2003 Dokumentierter Zeitraum der Praxis Abschlussbericht Uni Hildesheim 2024
> 3 Bestätigte Betroffene — Dunkelziffer unbekannt Uni Hildesheim / taz 2020
6+ Institutionen mit dokumentierten Verbindungslinien Aufarbeitungskommission 2021
2024 Abschlussbericht — 60 Jahre nach Beginn Berliner Zeitung, 23.02.2024

Ein anerkannter Wissenschaftler in staatlichen Funktionen

Helmut Kentler (1928–2008) war kein Außenseiter. Er war Sozialpädagoge und Sexualwissenschaftler, von 1965 bis 1976 Abteilungsleiter am Pädagogischen Zentrum Berlin — einer vom Berliner Senat getragenen Einrichtung. Er lehrte später an der Universität Hannover, publizierte in Fachzeitschriften und galt als respektierte Stimme in der Debatte um progressive Sexualpädagogik.

Seine These: Kinder hätten ein eigenständiges Recht auf Sexualität. Pädosexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern seien nicht per se schädlich, wenn sie von einem "liebevollen" Erwachsenen begleitet würden. Diese Position vertrat er nicht im Verborgenen — er veröffentlichte sie in einem 1988 verfassten Gutachten, das er im Auftrag des Berliner Senats erstellte und 1989 unter dem Titel "Leihväter" teilweise publizierte.

"Kentler bezeichnete sein Vorgehen selbst als 'Experiment'. In dem 1989 veröffentlichten Buch 'Leihväter' nimmt er auf diese Praxis Bezug — und es kann geschlussfolgert werden, dass er sich der Strafbarkeit seines sogenannten Experiments bewusst war."

Vorhabenbeschreibung Uni Hildesheim, März 2019

Was wann dokumentiert ist

1966
Der Berliner Senat tagt erstmals zum Thema neue Pflegestellen. Senator Neubauer erstattet Bericht. Das institutionelle Umfeld für Kentlers späteres Wirken wird geformt. (Quelle: Zwischenbericht Uni Hildesheim 2019)
1965–1976
Kentler als Abteilungsleiter am Pädagogischen Zentrum Berlin — staatliche Einrichtung unter Trägerschaft des Berliner Senats. In diesem Zeitraum beginnt er, Pflegekinder an Männer zu vermitteln, die als pädosexuell bekannt sind. (Quelle: Ergebnisbericht Uni Hildesheim 2020)
ca. 1970
Kentler selbst benennt diesen Zeitraum als Beginn seines sogenannten "Experiments". Pflegekinder — darunter Straßenkinder und sozial Benachteiligte — werden an vorbestrafte Pädokriminelle untergebracht. Die Praxis wird laut Abschlussbericht vom Landesjugendamt Berlin geduldet. (Quelle: Uni Hildesheim; Berliner Zeitung 23.02.2024)
1988
Kentler verfasst im Auftrag des Berliner Senats ein Gutachten über "Homosexuelle als Pflegeväter". Darin rechtfertigt er die Unterbringung von Kindern bei pädosexuellen Männern. Das Gutachten ist heute in der Bibliothek des Schwulen Museums Berlin einsehbar. (Quelle: Vorhabenbeschreibung Uni Hildesheim 2019)
1989
Publikation "Leihväter" — Teile des Gutachtens erscheinen als Buch. Kentler beschreibt sein "Experiment" öffentlich, ohne strafrechtliche Konsequenzen. (Quelle: Uni Hildesheim)
bis ca. 2003
Die Praxis dauert laut Abschlussbericht über Kentlers Tod hinaus an. Ein dritter Betroffener gab an, Anfang der 1980er Jahre in einer vom Berliner Bezirksamt geführten Pflegestelle in Westdeutschland untergebracht worden zu sein — der Pflegevater ein Professor der Sozialpädagogik, das zuständige Bezirksamt taub für Beschwerden. (Quelle: taz, 17.06.2020)
2008
Helmut Kentler stirbt. Keine strafrechtliche Verurteilung zu Lebzeiten.
2019
Universität Hildesheim beginnt im Auftrag des Berliner Senats mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung. Erster Ergebnisbericht: Das Netzwerk ist größer als zunächst angenommen. (Quelle: Uni Hildesheim, hilpub.uni-hildesheim.de)
2020
Erster Abschlussbericht: Verbindungslinien zu Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, FU Berlin, PH Berlin und Universität Göttingen dokumentiert. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs spricht von "strukturellem Versagen". (Quelle: aufarbeitungskommission.de)
Feb. 2024
Gemeinsamer Abschlussbericht mit Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU): Das Netzwerk reicht nachweislich von Berlin bis zur Odenwaldschule (Hessen), Göttingen, Lüneburg und Tübingen. Parallel: Eine Studie der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) dokumentiert, dass deren Zeitschrift zu Spenden für verurteilte Sexualstraftäter aufrief — darunter Kentler-Netzwerkmitglieder. (Quelle: EMMA, 23.02.2024; Berliner Zeitung, 23.02.2024)

Welche Institutionen dokumentiert sind — und was noch offen ist

Die Universität Hildesheim und die Unabhängige Aufarbeitungskommission des Bundes haben explizit benannte Verbindungslinien dokumentiert. Diese Tabelle gibt den Stand der publizierten Berichte wieder.

Institution Dokumentierte Verbindung Status
Berliner Senat /
Landesjugendamt
Dienstherr Kentlers. Pflegekindervermittlung über Bezirksjugendämter. Laut Abschlussbericht: Übergriffe geduldet und gerechtfertigt. Dokumentiert
Pädagogisches Zentrum Berlin Kentlers institutionelle Basis 1965–1976. Von hier aus Netzwerkaufbau. Dokumentiert
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung "Einschlägige Verbindungslinien" laut Aufarbeitungskommission 2021 und Uni Hildesheim. Teilweise
Freie Universität Berlin Namentlich in Aufarbeitungsbericht erwähnt. Eigene Aufarbeitung ausstehend. Teilweise
Päd. Seminar Univ. Göttingen /
"Haus auf der Hufe"
Jugendprojekt mit nachgewiesener Verbindung zum Netzwerk. Im Abschlussbericht 2024 explizit genannt. Dokumentiert
Odenwaldschule (Hessen) Verbindung zwischen Pädagogischem Zentrum Berlin und Schule, an der Gerold Becker wirkte. Schule schloss nach eigenem Missbrauchsskandal. Dokumentiert
Päd. Hochschule Lüneburg Im Abschlussbericht 2024 explizit genannt. Dokumentiert
Sozialtherapeutische Wohngruppen Tübingen Im Abschlussbericht 2024 explizit genannt. Dokumentiert
HuK (Ökum. Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche) Vereinszeitschrift rief zu Spenden für verurteilte Sexualstraftäter auf. Studie 2024: "Pädofrage — unentschieden?" Dokumentiert

Legende: DOKUMENTIERT = in akademischen Aufarbeitungsberichten explizit benannt · TEILWEISE = erwähnt, eigene Aufarbeitung ausstehend

Was geschah — und was nicht

Die Berliner Senatsverwaltung gab die Aufarbeitung erst 2019 in Auftrag — also rund 50 Jahre nach Beginn der dokumentierten Praxis. Den Anstoß gaben nicht Behörden, sondern betroffene Personen und investigative Medien.

Die Unabhängige Aufarbeitungskommission des Bundes forderte 2021, dass nicht nur Berlin, sondern Jugendämter bundesweit Betroffene aktiv zur Meldung auffordern sollten. Ob dies flächendeckend geschah, ist öffentlich nicht dokumentiert.

Zu den institutionell benannten Einrichtungen — Max-Planck-Institut, FU Berlin, Universität Göttingen — liegen zum Stand dieses Dossiers keine eigenen, veröffentlichten Aufarbeitungsberichte vor.

"In dem Ergebnisbericht wird strukturelles Versagen des Landesjugendamtes und zweier Bezirksjugendämter bei der Unterbringung von Pflegekindern deutlich. Das Wirken Helmut Kentlers wäre ohne ein Netzwerk in Behörden, Jugendämtern, aber auch pädagogischen und wissenschaftlichen Institutionen nicht möglich gewesen."

Prof. Dr. Sabine Andresen, Unabhängige Aufarbeitungskommission sexueller Kindesmissbrauch, 2021

Helmut Kentler starb 2008, ohne strafrechtlich verurteilt worden zu sein. Die Pflegekinder, die von staatlichen Stellen vermittelt wurden, hatten im Rechtssystem keinen Anwalt. Ihr Zugang zu Entschädigung ist bis heute nicht systematisch geregelt.

Primär- und Sekundärquellen dieses Dossiers

Primärquellen

Universität Hildesheim: Ergebnisbericht "Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe" (2020) — hilpub.uni-hildesheim.de
Universität Hildesheim: Abschlussbericht Laufzeit 2021–2023 — doi.org/10.18442/256
Universität Hildesheim: Zwischenbericht 2019 — uni-hildesheim.de
Unabhängige Aufarbeitungskommission sexueller Kindesmissbrauch, Pressemitteilung 2021 — aufarbeitungskommission.de
Kentler, H. (1989): "Leihväter". Verlag. (Teilpublikation des Senatsgutachtens 1988) — Bibliothek Schwules Museum Berlin

Etablierte Medien (Berichterstattung auf Basis der Primärberichte)

taz, 17.06.2020: "Abschlussbericht zum Fall Kentler" — taz.de
EMMA, 23.02.2024: "Das Kentler-Netzwerk" — emma.de
Berliner Zeitung, 23.02.2024: "Missbrauchsfälle: Abschlussbericht zum Kentler-Experiment" — berliner-zeitung.de
News4Teachers, 17.06.2020: "Missbrauchsskandal erschüttert die Pädagogik" — news4teachers.de
Tagesspiegel: "Es hat ein Netzwerk gegeben" — Missbrauch reichte weit über Berlin hinaus

Der Berliner Senat gab die Aufarbeitung 2019 in Auftrag — rund 50 Jahre nach Beginn der dokumentierten Praxis. Die wissenschaftlichen Institutionen, die im Abschlussbericht namentlich als Teil des Netzwerks benannt werden, haben bis heute keine eigenen Aufarbeitungsberichte veröffentlicht.

Wer war noch informiert — und wann?

METHODIK — Alle Angaben in diesem Dossier basieren auf publizierten akademischen Aufarbeitungsberichten, Pressemitteilungen staatlicher Kommissionen und Berichterstattung etablierter Medien auf deren Basis. Spekulationen sind als solche gekennzeichnet. Motive werden keiner Person zugeschrieben. Die Auswertung der Quellen überlassen wir dem Leser.