Ein anerkannter Wissenschaftler in staatlichen Funktionen
Helmut Kentler (1928–2008) war kein Außenseiter. Er war Sozialpädagoge und Sexualwissenschaftler, von 1965 bis 1976 Abteilungsleiter am Pädagogischen Zentrum Berlin — einer vom Berliner Senat getragenen Einrichtung. Er lehrte später an der Universität Hannover, publizierte in Fachzeitschriften und galt als respektierte Stimme in der Debatte um progressive Sexualpädagogik.
Seine These: Kinder hätten ein eigenständiges Recht auf Sexualität. Pädosexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern seien nicht per se schädlich, wenn sie von einem "liebevollen" Erwachsenen begleitet würden. Diese Position vertrat er nicht im Verborgenen — er veröffentlichte sie in einem 1988 verfassten Gutachten, das er im Auftrag des Berliner Senats erstellte und 1989 unter dem Titel "Leihväter" teilweise publizierte.
"Kentler bezeichnete sein Vorgehen selbst als 'Experiment'. In dem 1989 veröffentlichten Buch 'Leihväter' nimmt er auf diese Praxis Bezug — und es kann geschlussfolgert werden, dass er sich der Strafbarkeit seines sogenannten Experiments bewusst war."
Vorhabenbeschreibung Uni Hildesheim, März 2019Was wann dokumentiert ist
Welche Institutionen dokumentiert sind — und was noch offen ist
Die Universität Hildesheim und die Unabhängige Aufarbeitungskommission des Bundes haben explizit benannte Verbindungslinien dokumentiert. Diese Tabelle gibt den Stand der publizierten Berichte wieder.
| Institution | Dokumentierte Verbindung | Status |
|---|---|---|
| Berliner Senat / Landesjugendamt |
Dienstherr Kentlers. Pflegekindervermittlung über Bezirksjugendämter. Laut Abschlussbericht: Übergriffe geduldet und gerechtfertigt. | Dokumentiert |
| Pädagogisches Zentrum Berlin | Kentlers institutionelle Basis 1965–1976. Von hier aus Netzwerkaufbau. | Dokumentiert |
| Max-Planck-Institut für Bildungsforschung | "Einschlägige Verbindungslinien" laut Aufarbeitungskommission 2021 und Uni Hildesheim. | Teilweise |
| Freie Universität Berlin | Namentlich in Aufarbeitungsbericht erwähnt. Eigene Aufarbeitung ausstehend. | Teilweise |
| Päd. Seminar Univ. Göttingen / "Haus auf der Hufe" |
Jugendprojekt mit nachgewiesener Verbindung zum Netzwerk. Im Abschlussbericht 2024 explizit genannt. | Dokumentiert |
| Odenwaldschule (Hessen) | Verbindung zwischen Pädagogischem Zentrum Berlin und Schule, an der Gerold Becker wirkte. Schule schloss nach eigenem Missbrauchsskandal. | Dokumentiert |
| Päd. Hochschule Lüneburg | Im Abschlussbericht 2024 explizit genannt. | Dokumentiert |
| Sozialtherapeutische Wohngruppen Tübingen | Im Abschlussbericht 2024 explizit genannt. | Dokumentiert |
| HuK (Ökum. Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche) | Vereinszeitschrift rief zu Spenden für verurteilte Sexualstraftäter auf. Studie 2024: "Pädofrage — unentschieden?" | Dokumentiert |
Legende: DOKUMENTIERT = in akademischen Aufarbeitungsberichten explizit benannt · TEILWEISE = erwähnt, eigene Aufarbeitung ausstehend
Was geschah — und was nicht
Die Berliner Senatsverwaltung gab die Aufarbeitung erst 2019 in Auftrag — also rund 50 Jahre nach Beginn der dokumentierten Praxis. Den Anstoß gaben nicht Behörden, sondern betroffene Personen und investigative Medien.
Die Unabhängige Aufarbeitungskommission des Bundes forderte 2021, dass nicht nur Berlin, sondern Jugendämter bundesweit Betroffene aktiv zur Meldung auffordern sollten. Ob dies flächendeckend geschah, ist öffentlich nicht dokumentiert.
Zu den institutionell benannten Einrichtungen — Max-Planck-Institut, FU Berlin, Universität Göttingen — liegen zum Stand dieses Dossiers keine eigenen, veröffentlichten Aufarbeitungsberichte vor.
"In dem Ergebnisbericht wird strukturelles Versagen des Landesjugendamtes und zweier Bezirksjugendämter bei der Unterbringung von Pflegekindern deutlich. Das Wirken Helmut Kentlers wäre ohne ein Netzwerk in Behörden, Jugendämtern, aber auch pädagogischen und wissenschaftlichen Institutionen nicht möglich gewesen."
Prof. Dr. Sabine Andresen, Unabhängige Aufarbeitungskommission sexueller Kindesmissbrauch, 2021Helmut Kentler starb 2008, ohne strafrechtlich verurteilt worden zu sein. Die Pflegekinder, die von staatlichen Stellen vermittelt wurden, hatten im Rechtssystem keinen Anwalt. Ihr Zugang zu Entschädigung ist bis heute nicht systematisch geregelt.
Primär- und Sekundärquellen dieses Dossiers
Primärquellen
Etablierte Medien (Berichterstattung auf Basis der Primärberichte)
Der Berliner Senat gab die Aufarbeitung 2019 in Auftrag — rund 50 Jahre nach Beginn der dokumentierten Praxis. Die wissenschaftlichen Institutionen, die im Abschlussbericht namentlich als Teil des Netzwerks benannt werden, haben bis heute keine eigenen Aufarbeitungsberichte veröffentlicht.
Wer war noch informiert — und wann?
METHODIK — Alle Angaben in diesem Dossier basieren auf publizierten akademischen Aufarbeitungsberichten, Pressemitteilungen staatlicher Kommissionen und Berichterstattung etablierter Medien auf deren Basis. Spekulationen sind als solche gekennzeichnet. Motive werden keiner Person zugeschrieben. Die Auswertung der Quellen überlassen wir dem Leser.