Kunstrasen-Demokratie: Wie Astroturfing echten Protest simuliert

Der Matt-Damon-Film "Promised Land" zeigt einen Gaskonzern, der seinen eigenen Fake-Aktivisten in eine Stadt schickt, ihn auffliegen lässt — und damit die echte Fracking-Kritik der Bevölkerung gleich mit diskreditiert. Kritiker nannten das Handlungselement "zu weit hergeholt". Zu Unrecht: Das Prinzip dahinter, Astroturfing, ist real, gut dokumentiert und in Deutschland mehrfach nachgewiesen.

Factbox — Was Astroturfing ist

Der Begriff kommt vom US-Markennamen "AstroTurf" für Kunstrasen: Gras, das nur so aussieht, als sei es von unten gewachsen. Gemeint ist das künstliche Nachahmen einer Bürgerbewegung, die in Wahrheit von einem Unternehmen, einer Lobbyorganisation oder einer Regierung gesteuert und finanziert wird — ohne dass die Beteiligten oder die Öffentlichkeit das wissen. Der Ursprung liegt in den 1970er-Jahren in den USA, seit Ende der 1990er ist die Technik auch in Europa verbreitet.

Wichtige Abgrenzung: Werden Geldgeber offen benannt und echte Engagierte einbezogen, heißt das Grassroots-Lobbying — eine legitime, transparente Form der Interessenvertretung. Astroturfing ist die verdeckte, täuschende Variante davon.

Dokumentierte Fälle aus Deutschland

Einmal aufgedeckt, erntet Astroturfing fast durchweg negative Presse — genau deshalb bleibt Verschleierung der zentrale Bestandteil der Methode.

Die Technik im Detail

  1. Tarnorganisation gründen: Ein Verein oder eine "Bürgerinitiative" mit neutralem, sympathischem Namen wird eingetragen — Kontaktadresse, Postfach oder Geschäftsführung führen bei genauem Hinsehen zum eigentlichen Auftraggeber zurück.
  2. Statisten mobilisieren: Bezahlte oder unwissende Teilnehmer treten als "besorgte Bürger" auf, halten Schilder, geben Interviews — ohne die wahren Hintermänner zu kennen oder zu nennen.
  3. Digitale Verstärkung: Foren, Kommentarspalten und soziale Netzwerke werden mit koordinierten, thematisch abgestimmten Beiträgen geflutet, die unabhängig wirken sollen.
  4. Diskreditierungs-Variante (wie im Film): Ein eigener, absichtlich leicht widerlegbarer "Aktivist" wird eingeschleust, um bei Enttarnung die gesamte legitime Kritikbewegung als unglaubwürdig erscheinen zu lassen.
Dangerbox — Die Falle des Generalverdachts

Wer einmal verstanden hat, wie Astroturfing funktioniert, ist versucht, jeder Bürgerinitiative grundsätzlich zu misstrauen. Genau das ist die gefährliche Kehrseite: Ein pauschales "man kann niemandem mehr glauben" lähmt echtes zivilgesellschaftliches Engagement genauso wie Astroturfing selbst — nur eben ohne Auftraggeber, der davon profitiert, außer dem allgemeinen Vertrauensverlust in Demokratie und Institutionen. Das ist kein Erkenntnisgewinn, sondern der Anfang von Zynismus.

Wie man es erkennt — ohne in Generalverdacht zu verfallen

Fairnessbox

Nicht jede Organisation, die ihre Geldgeber nicht vollständig offenlegt, betreibt Astroturfing — und nicht jede Bürgerinitiative mit Unternehmensbezug ist automatisch unglaubwürdig. Auch legitime Verbände dürfen sich politisch äußern. Der Unterschied liegt in der Verschleierung: Wer offen sagt, wer hinter einer Kampagne steht, betreibt Interessenvertretung. Wer das bewusst verschleiert, um als "das Volk" durchzugehen, betreibt Astroturfing. Diese Trennlinie — nicht der bloße Verdacht — ist der Maßstab.

Fazit

"Man kann niemandem glauben" ist die falsche Schlussfolgerung aus einem richtigen Befund. Die richtige Schlussfolgerung lautet: Man kann prüfen. Wer hinter einer Initiative steht, wann sie gegründet wurde, wer sie finanziert und wessen Interessen sie objektiv dient — das sind beantwortbare Fragen, keine Glaubensfragen. Genau das unterscheidet begründete Skepsis von pauschalem Misstrauen.

Quellen:
Lobbypedia, Wikipedia (DE/EN): Astroturfing
LobbyControl: Berichterstattung zum Deutsche-Bahn-PR-Skandal, 2009
Süddeutsche Zeitung: "PR-Skandal bei der Bahn – Alle reden vom Wetter", 29.05.2009
buergergesellschaft.de: "Astroturfing: Zwei Beispiele aus der Praxis"
sfv.de: Tagungsbericht "Greenwashing und Astroturfing" (Robin Wood, LobbyControl)
Anna Irmisch: "Astroturf. Eine neue Lobbyingstrategie in Deutschland?", VS Research, Wiesbaden 2011