Ein Neuseeländer auf Interpols "Most Wanted"-Liste. Ein Brite mit Yacht in Dubai. Ein deutscher Anwalt, der bis zuletzt von der Legalität seiner Geschäfte überzeugt war. Teil C der Cum-Ex-Serie: die Männer, die das System exportierten.
Die offizielle Version: Cum-Ex war ein deutsches Steuerschlupfloch, geschlossen 2012, seither konsequent strafrechtlich aufgearbeitet. Die Realität: Zentrale Architekten des Systems bauten es international aus, operierten über Jahre unbehelligt zwischen mehreren Rechtsräumen – und mancher gilt bis heute als flüchtig.
Cum-Ex begann nicht am Reißbrett einer Bank, sondern in den Köpfen weniger Händler, die bei US-Investmentbanken wie Merrill Lynch ausgebildet wurden. Nach einer Untersuchung des US-Senats wurden steuergetriebene Aktiengeschäfte in den USA selbst unterbunden – die Folge: Merrill Lynch zog sich 2008 aus den USA zurück und konzentrierte sich für vergleichbare Geschäfte auf Europa. Aus diesem Umfeld gingen die zentralen Figuren hervor, die das deutsche Steuerschlupfloch systematisch ausweiteten.
Die persönliche Dynamik zwischen den Beteiligten liest sich streckenweise wie ein Wirtschaftsthriller: Laut Recherchen von Correctiv und Reporter.lu warnten selbst Kollegen aus der eigenen Szene vor der Risikobereitschaft Shahs – ein Trader wird mit dem Satz zitiert, Shah "bringt uns noch alle ins Grab". Shah selbst inszenierte sich öffentlichkeitswirksam mit Formel-1-Wochenenden, Privatkonzerten und einer Yacht in der Marina von Dubai.
Ein zentraler, oft unterbelichteter Baustein des Systems war Luxemburg. Über dortige Firmenkonstruktionen – laut Reporter.lu-Recherche unter anderem die Gesellschaften Oak und Stonewall – wurden Gewinne der Cum-Ex-Trader an Berger und seine Geschäftspartner weitergeleitet, über Scheinrechnungen und Scheinverträge. Ein in Luxemburg tätiger Steuerrechtler bestätigte gegenüber Reporter.lu, ein Gutachten zur rechtlichen Zulässigkeit der Geschäfte verfasst zu haben – mit der Begründung, es habe keine speziellen Regeln zu Cum-Ex in der luxemburgischen Steuergesetzgebung gegeben.
Als die Ermittler 2016/2017 auch in Luxemburg Durchsuchungen durchführten, reagierten die Beteiligten laut ARD-Dokumentation mit unverhohlener Fassungslosigkeit. Hanno Berger soll die Razzien als "schöne Scheiße" bezeichnet haben – er habe sich nicht vorstellen können, dass die deutschen Ermittler auch international zugreifen würden. Diese Reaktion selbst ist ein Indiz dafür, wie sehr sich die Beteiligten auf die Abschottung zwischen Rechtsräumen verlassen hatten.
Hanno Berger selbst bestritt bis zuletzt jedes Unrechtsbewusstsein – anders als sein früherer Partner Steck, der kooperierte, hielt Berger die Geschäfte für rechtlich zulässig. Das mag als Verteidigungsstrategie erscheinen, zeigt aber auch, dass die Rechtslage zum Tatzeitpunkt tatsächlich nicht eindeutig war, wie unter anderem das erwähnte Luxemburger Gutachten dokumentiert.
Sanjay Shah bestreitet bis heute jedes Fehlverhalten und hat sich freiwillig der dänischen Justiz gestellt, statt als Flüchtiger zu leben – ein Umstand, der in der Berichterstattung gewürdigt werden sollte, unabhängig vom Ausgang des Verfahrens.
Nicht jede internationale Verzweigung ist Ausdruck bewusster Verschleierung. Firmenkonstruktionen über mehrere Länder sind im internationalen Finanzwesen auch bei völlig legalen Geschäften üblich. Erst die konkrete Verwendung – Scheinrechnungen, gezielte Falschdarstellung gegenüber Finanzbehörden – begründet den strafrechtlichen Vorwurf, nicht die internationale Struktur an sich.
Das internationale Geflecht diente einem klaren Zweck: Verantwortlichkeiten so zu verteilen, dass keine einzelne nationale Justizbehörde das Gesamtbild schnell erfassen konnte. Wer in Deutschland ermittelte, stieß auf Luxemburger Briefkastenfirmen; wer in Dänemark ermittelte, auf britische Hedgefonds-Strukturen; wer beides zusammenführen wollte, brauchte Jahre internationaler Amtshilfe. Genau diese Verzögerung – ob gezielt herbeigeführt oder Nebenprodukt der Struktur – kam allen Beteiligten gleichermaßen zugute.
Die drei Teile dieser Serie zeigen ein durchgängiges Muster: Auf der politischen Ebene (Teil A) auffällige Erinnerungslücken und verjährte Fristen, auf der Beraterebene (Teil B) Gutachten, die aus einem Steuertrick ein verteidigungsfähiges Geschäftsmodell machten, und auf der internationalen Ebene (Teil C) eine Struktur, die genau dafür gebaut schien, dass niemand allein das ganze Bild sieht. Der größte Steuerraub der deutschen Geschichte ist damit weniger die Geschichte eines einzelnen Verbrechens als die eines Systems, in dem sich Verantwortung an jeder Grenze – rechtlich, geografisch, politisch – wie von selbst auflöst.