Wie die NATO selbst dokumentiert, dass der menschliche Geist zum sechsten Kriegsschauplatz wird
BELEGTIm Auftrag des NATO Innovation Hub / Allied Command Transformation (ACT) verfasste François du Cluzel 2020 die Studie „Cognitive Warfare", die erstmals systematisch das menschliche Gehirn als militärische Operationsdomäne beschreibt. Ausgangspunkt war die „Warfighting 2040"-Studie des ACT.
„The goal is not to attack what individuals think but rather the way they think." François du Cluzel, NATO Innovation Hub, Cognitive Warfare (2020), S. 5
„Cognitive warfare is potentially endless since there can be no peace treaty or surrender for this type of conflict." Ebd., S. 20
BELEGTBis dahin unterteilte die NATO Kriegsführung in fünf Operationsdomänen: Land, See, Luft, Weltraum, Cyber. Mit Cognitive Warfare wird eine sechste Domäne diskutiert: der „human domain" — das menschliche Bewusstsein selbst.
OFFENDie kognitive Domäne ist bis heute (Stand 2026) offiziell nicht als sechste NATO-Domäne anerkannt — sie bleibt ein „debated candidate", wie die CCDCOE-Studie 2026 selbst festhält.
| Jahr | Dokument / Ereignis |
|---|---|
| 2020 | du Cluzel, „Cognitive Warfare" — Innovation Hub Report (Gründungsdokument) |
| Okt. 2021 | NATO Association of Canada (NAOC) Forum zur „Weaponization of Brain Sciences", Teil der NATO Fall Innovation Challenge |
| 2024 | Deppe/Schaal (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg), Frontiers in Big Data: Kritik am Konzept als „conceptual stretching" |
| 2025 | NATO Chief Scientist's Report zu Cognitive Warfare |
| Jan. 2026 | NATO ACT, Cognitive Warfare Newsletter, Ausgabe 5 |
| 2026 | CCDCOE Tallinn: „Ontological Foundations of Cognitive Warfare" — neues Strukturmodell |
BELEGTDie NATO Cooperative Cyber Defence Centre of Excellence (CCDCOE) in Tallinn veröffentlichte 2026 die Studie „Ontological Foundations of Cognitive Warfare" von Fedir Korobeynikov (Security Studies and Research Center, Kiew), Andrii Davydiuk (CCDCOE / Ukraines State Cyber Protection Centre) und Volodymyr Mokhor (Nationale Akademie der Wissenschaften der Ukraine).
OFFENZwei der drei Autoren haben dokumentierte ukrainische Institutsanbindungen; ein Autor ist direkt beim CCDCOE angestellt. Dies ist bei der Einordnung der Studie relevant, wird aber von den Autoren nicht verschwiegen.
BELEGTDas Papier definiert fünf „systemische Invarianten", die eine Institution/Gesellschaft zusammenhalten und die laut den Autoren gezielte Angriffsziele darstellen:
| Ebene | Beschreibung |
|---|---|
| Epistemische Strukturen | gemeinsame Maßstäbe dafür, was als wahr gilt |
| Axiologische Hierarchien | gemeinsame Werterangfolgen, Kompromissbereitschaft |
| Identitätskonstrukte | Zugehörigkeitsgefühl — wer gehört dazu, wer nicht |
| Vertrauensarchitekturen | Vertrauen in Institutionen, Führung, Verfahren |
| Teleologische Projektionen | gemeinsames Zukunftsbild einer Gesellschaft/Organisation |
BELEGTDer von den Autoren geprägte Begriff „kognitive Dekohärenz" beschreibt den Zustand, in dem einzelne Institutionsteile zwar weiterhin funktionieren, aber nicht mehr koordiniert zusammenwirken — weil die gemeinsame Vertrauens- und Wertebasis erodiert ist.
BELEGTZentrales Merkmal laut Studie: „constitutive invisibility" — die Zielperson erlebt die durch den Angriff induzierte Veränderung als eigenen Gedanken, nicht als etwas, das ihr angetan wurde. Es gebe „keinen Moment, in dem das Ziel weiß, dass es sich im Krieg befindet".
Amerikanist und Propagandaforscher (Universität Regensburg), Autor zu kognitiver Kriegsführung im Westend Verlag. Bereitet die NATO-Primärquellen für ein deutschsprachiges Publikum auf — im Sinne der dunkelfeld-Methodik als Sekundärquelle eingeordnet, nicht als Primärbeleg.
BELEGTChristoph Deppe und Gary S. Schaal (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg) kritisierten 2024 in Frontiers in Big Data, dass das NATO-ACT-Konzept „Cognitive Warfare" unter „conceptual stretching" leide — die Grenzen zu hybriden Bedrohungen, Desinformationsoperationen und klassischer Informationskriegsführung verschwimmen, was eine empirische Operationalisierung erschwere.
BELEGTDie CCDCOE-Autoren 2026 zitieren diese Kritik direkt und positionieren ihr Fünf-Ebenen-Modell explizit als Antwortversuch darauf. Ob das Modell dem von Deppe/Schaal geforderten empirischen Test standhält, ist nach eigener Aussage der Autoren offen.
Die NATO beschreibt in eigenen, offen zugänglichen Dokumenten ein Konzept, das den menschlichen Geist zum potenziell dauerhaften Kriegsschauplatz erklärt — mit einer Konfliktform, die per Definition kein Ende kennt.
Wenn ein Krieg keinen Friedensvertrag kennt, wie stellt eine Demokratie sicher, dass die Verteidigung gegen ihn nicht selbst zur dauerhaften Ausnahme wird? Und: Wer entscheidet, welche Überzeugungsänderung „eigenes Denken" und welche ein erkannter Angriff ist — bevor die Zielperson es selbst merkt?