Am 4. September 1970 gewann Salvador Allende mit knapper relativer Mehrheit die chilenische Präsidentschaftswahl. Acht Tage später sagte US-Außenminister Henry Kissinger dem damaligen CIA-Direktor Richard Helms am Telefon, man werde Chile nicht "den Bach runtergehen lassen". BELEGT Diese Aussage stammt aus einem deklassifizierten Telefonmitschnitt, den das National Security Archive veröffentlicht hat.
BELEGT Am 15. September 1970 ordnete Präsident Richard Nixon in einem Treffen mit Helms an, die Wahl Allendes im Kongress zu verhindern oder rückgängig zu machen. Handschriftliche Notizen von Helms aus diesem Treffen — heute deklassifiziert — listen unter anderem ein Budget von 10 Millionen Dollar sowie die Order, "die besten Männer" für diese Aufgabe abzustellen.
Aus diesem Auftrag entstanden zwei parallel laufende, voneinander getrennte Operationen:
BELEGT Zentrales Hindernis für einen Putsch war General René Schneider, Oberbefehlshaber der chilenischen Streitkräfte und überzeugter Verfassungstreuer. Am 22. Oktober 1970 wurde er im Rahmen eines von der CIA mitfinanzierten Entführungsversuchs angeschossen und starb wenig später an seinen Verletzungen. Nach CIA-eigenen Akten sollte er entführt, nicht getötet werden.
OFFEN Der Mordanschlag festigte paradoxerweise zunächst die Unterstützung für Allende in der chilenischen Öffentlichkeit und stärkte den Rückhalt für die verfassungsmäßige Ordnung — ein von der CIA selbst in zeitgenössischen Einschätzungen dokumentierter unbeabsichtigter Effekt.
BELEGT Nach Allendes Amtsantritt am 3. November 1970 wurden Wirtschaftshilfe gekürzt und über diplomatischen Druck auch Weltbank- und IWF-Kredite blockiert. Die CIA finanzierte rechte Parteien und Medien, insbesondere die Zeitung "El Mercurio", um wirtschaftliche Verunsicherung und Anti-Allende-Stimmung zu verstärken. Der multinationale Telekommunikationskonzern ITT koordinierte laut historischer Forschung eigene Sabotagebemühungen mit der CIA.
EXTRAPOLATION Historiker Peter Kornbluh ("The Pinochet File", auf CIA-Akten gestützt) beschreibt das Ergebnis dieser kombinierten Maßnahmen als ein bewusst herbeigeführtes "Klima der Unregierbarkeit" — Versorgungsengpässe, Schwarzmärkte, Streiks. Diese zusammenfassende Bewertung ist eine historiografische Einordnung mehrerer Einzelmaßnahmen, keine wörtliche Zieldefinition aus einem einzelnen Dokument.
BELEGT Am 11. September 1973 stürzte das chilenische Militär unter Führung von Augusto Pinochet die Regierung Allende. Ein CIA-eigener Bericht aus dem Jahr 2000, gestützt auf deklassifizierte Dokumente, kam zu dem Schluss, die Agency habe den Putsch "wahrscheinlich geduldet", es gebe aber "keinen Beweis" für eine direkte Beteiligung am Putsch selbst. Diese Einschätzung wird von einem Teil der Forschung als zu zurückhaltend kritisiert.
BELEGT Im Februar 1974 entsandte Kissinger den stellvertretenden CIA-Direktor Vernon Walters zu einem geheimen Treffen mit Pinochet in Santiago, um diesem laut freigegebenem Kabel "Freundschaft und Unterstützung" sowie diskrete Hilfe anzubieten. Ein CIA-Ausbilderteam unterstützte im Frühjahr 1974 den Aufbau des chilenischen Geheimdienstes DINA unter Oberst Manuel Contreras, der 1975 zeitweise auf der CIA-Gehaltsliste geführt wurde.
BELEGT Chile unter Pinochet und der von der CIA mit aufgebaute Geheimdienst DINA bildeten das organisatorische Zentrum der 1975/76 gegründeten Operation Condor. Historikerin J. Patrice McSherry bezeichnet Chile in diesem Zusammenhang als "Condors Kommandozentrale". Die 1976 in Washington D.C. verübte Ermordung des chilenischen Ex-Botschafters Orlando Letelier — Thema von Teil 1 dieser Serie — wurde nach deklassifizierten US-Kabeln direkt von DINA-Chef Contreras mit Billigung Pinochets angeordnet.
Offen bleibt: Wie genau ist die Formulierung zu bewerten, mit der Kissinger 1975 vor einem Kongressausschuss aussagte, Track II sei "nie wirklich beendet" worden — sondern man sei angewiesen worden, die Bemühungen fortzusetzen? Welche Konsequenzen hatte diese Fortsetzung über 1970 hinaus konkret?