Teil 3a dokumentierte Migration, Energie und Corona als wiederkehrendes Muster kurzfristiger Kehrtwenden. Dieser Teil widmet sich einem Politikfeld, das sich diesem Muster nicht sauber einordnen lässt: Merkels Russland- und Ukraine-Politik enthält Elemente, die auf den ersten Blick zueinander im Widerspruch stehen — wirtschaftliche Kooperation mit Russland bei gleichzeitiger Unterstützung der Ukraine, Warnungen an Moskau bei gleichzeitigem Festhalten am umstrittensten deutsch-russischen Projekt. Dieses Dossier legt die Chronologie offen, ohne die Widersprüche vorschnell aufzulösen.
Merkel verteidigte die Ostsee-Pipeline über Jahre konsequent als "kommerzielles Projekt" — auch gegen wiederholten Widerstand aus den USA, Polen, den baltischen Staaten und der Ukraine selbst.
Merkel bezeichnete Nord Stream 2 durchgehend als wirtschaftliches, nicht politisches Projekt. Gleichzeitig ist dokumentiert, dass sie selbst öffentlich vor genau dem Missbrauchsszenario warnte, das Kritiker ihr vorwarfen — ein Widerspruch, der im Wortlaut ihrer eigenen Aussagen liegt, nicht in einer Unterstellung.
Am 18. Juni 2019 empfing Merkel den neu gewählten ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu seinem Antrittsbesuch in Berlin. Bei der Begrüßung mit militärischen Ehren zitterte sie sichtbar am ganzen Körper — der erste öffentlich dokumentierte Vorfall dieser Art. Die offizielle Erklärung lautete Flüssigkeitsmangel bei sommerlicher Hitze. Nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa war es nicht das erste Mal, dass ein ähnlicher Vorfall auftrat — ein genaues früheres Datum wurde damals nicht öffentlich benannt. Weitere öffentliche Zitteranfälle folgten in den Wochen danach bei anderen Anlässen.
Dieses Dossier dokumentiert ausschließlich das öffentlich belegte Datum, den Anlass und die offizielle Erklärung. Jede weitergehende Deutung wäre Spekulation und wird hier bewusst nicht vorgenommen.
Im Dezember 2022, ein knappes Jahr nach ihrem Ausscheiden als Kanzlerin, äußerte sich Merkel in einem viel beachteten Interview rückblickend zum Minsker Abkommen von 2014/15.
— Angela Merkel, Interview mit Die Zeit, 7. Dezember 2022
Die Aussage ist primärquellenfest im Zeit-Interview dokumentiert und löste international Reaktionen aus — Wladimir Putin äußerte sich öffentlich enttäuscht, er habe das nicht erwartet. Auch der ehemalige ukrainische Präsident Poroschenko äußerte sich in ähnlicher Weise zur strategischen Funktion der Minsker Vereinbarungen für den Aufbau ukrainischer Verteidigungsfähigkeiten.
Die Frage nach der Logik zwischen dem Festhalten an Nord Stream 2 einerseits und der andauernden Ukraine-Unterstützung trotz dokumentierter Korruptionsvorwürfe andererseits lässt sich mit dem vorliegenden Material nicht auflösen — sie wird hier bewusst als offene Frage stehengelassen, nicht als Widerspruch behauptet oder aufgelöst.
Wie lässt sich das jahrelange Festhalten an Nord Stream 2 als "rein wirtschaftliches Projekt" mit Merkels eigener späterer Warnung vor dessen geopolitischem Missbrauch in Einklang bringen?
Was genau meinte Merkel mit "Zeit, um stärker zu werden" — ausschließlich Verteidigungsfähigkeit, oder auch eine bewusste Verzögerungsstrategie gegenüber Russland? Ihre eigene Aussage lässt beide Lesarten zu.
Auf welcher Grundlage wird die anhaltende internationale Unterstützung der Ukraine mit dokumentierten Korruptionsvorwürfen innerhalb der ukrainischen Verwaltung in Einklang gebracht — und wie wird das kontrolliert?