Die Zahlen steigen weiter. Aber der interessanteste Satz der heutigen Pressekonferenz kam nicht von den Zahlen, sondern von der Frau, die sie präsentierte.
Berlin, Dienstagvormittag: Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, BKA-Präsident Holger Münch und die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch, Kerstin Claus, stellen das Bundeslagebild "Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen 2025" vor. Die Fallzahlen sind erneut gestiegen. Das ist die Meldung, die es in die Schlagzeilen schafft. Die eigentlich bemerkenswerte Aussage der Pressekonferenz steht dagegen nicht in den Überschriften.
Der auffälligste Trend ist nicht die Gesamtzahl, sondern die Verlagerung. Hands-Off-Delikte – Taten ohne direkten Körperkontakt, etwa Exhibitionismus per Webcam oder das Erzwingen intimer Aufnahmen – wachsen deutlich schneller als klassischer Missbrauch. Parallel dazu benennt das BKA erstmals so deutlich einen technischen Faktor: Künstliche Intelligenz verändert die Tatbegehung. Deepfakes, sogenannte "Nudifying"-Apps, die reguläre Fotos in gefälschte Nacktaufnahmen verwandeln, und KI-generierte Missbrauchsdarstellungen gehören 2025 erstmals zum festen Bestandteil des Lagebilds.
BELEGT Anstieg der Hands-Off-Delikte und explizite Nennung von KI/Deepfakes/Nudifying als neue Tatbegehungsform im Bundeslagebild 2025.Ein Detail aus der Pressekonferenz widerspricht dem verbreiteten Bild vom anonymen erwachsenen Täter im Internet: Bei Delikten mit jugendpornografischen Inhalten ist nach BKA-Angaben etwa die Hälfte der Tatverdächtigen selbst minderjährig. Es geht dabei überwiegend um Jugendliche, die eigene intime Aufnahmen erstellen, die anschließend unbedacht weitergeleitet oder ohne ihr Wissen weiterverbreitet werden. Kerstin Claus verwies deshalb auf die Bedeutung von Medienkompetenz-Vermittlung – nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für Eltern, Lehrkräfte und Fachpersonal.
BELEGT Die hälftige Tatverdächtigen-Quote unter Minderjährigen bei jugendpornografischen Inhalten, so vom BKA auf der Pressekonferenz dargestellt.Kerstin Claus, Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch: Das Bundeslagebild bildet das tatsächliche Ausmaß sexueller Gewalt gegen Jugendliche im Netz nur unzureichend ab.
Das ist bemerkenswert, weil es nicht von einer Studie oder einem Kritiker kommt, sondern von der Bundesbeauftragten selbst, direkt bei der Vorstellung der eigenen Behördenzahlen. Die offizielle Statistik – das Hellfeld – wird von der obersten zuständigen Amtsperson öffentlich als unzureichend bezeichnet, um die Realität abzubilden. Das deckt sich mit der SKiD-Dunkelfeldstudie des BKA, die für Sexualdelikte insgesamt eine Anzeigequote von nur 6,2 Prozent ermittelt hat.
BELEGT Aussage von Kerstin Claus zur Unzulänglichkeit des Bundeslagebilds, dokumentiert u.a. vom Deutschen Ärzteblatt. OFFEN Wie groß die tatsächliche Differenz zwischen Hellfeld (20.051 erfasste Opfer) und dem realen Ausmaß ist, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht beziffern – nur die Richtung ist amtlich bestätigt.Drei Dinge sind heute belegt worden, die zusammengenommen mehr aussagen als die Schlagzeile "Fallzahlen steigen": Die Verlagerung ins Digitale ist real und beschleunigt sich. Ein erheblicher Teil der Tatverdächtigen bei digitalen Inhalten ist selbst minderjährig. Und die zuständige Bundesbeauftragte sagt selbst, dass die Zahlen, die sie gerade vorgestellt hat, nicht das ganze Bild zeigen.
Wenn die Bundesbeauftragte selbst einräumt, dass die eigenen Zahlen nur einen Ausschnitt zeigen – wie groß ist der Teil, den niemand zählt?