Anfang 2026 waren in Berlin zeitweise rund 50.000 Haushalte ohne Strom. Die Tagesschau widmet dem Thema Blackout-Vorsorge inzwischen einen unaufgeregten Erklärfilm – Bürgerpflicht, sachlich vermittelt. Was in der Berichterstattung fehlt: Der Bundestag beschäftigt sich mit exakt diesem Szenario nicht erst seit gestern, sondern seit über 15 Jahren. Und in der Zwischenzeit galt genau dieselbe Vorsorge-Empfehlung den Leitmedien zeitweise als Symptom einer rechten Verschwörungsmentalität.
Blackout – TAB-Bericht 2010 (Nr. 141): mind. zweiwöchiger, überregionaler Stromausfall; Staat verliert Fähigkeit zur Grundversorgung nach wenigen Tagen.
Pandemie – Bundestags-Risikoanalyse 2012 ("Modi-SARS"): dreijähriger Verlauf mit drei Wellen, entwickelt unter Federführung des Robert-Koch-Instituts.
Hochwasser – Bundestags-Risikoanalyse 2012/2013: Extremes Schmelzhochwasser aus Mittelgebirgen als "reasonable worst case".
Der TAB-Bericht von 2010 hält fest, dass die Wahrscheinlichkeit eines großflächigen Stromausfalls zwar gering sei, aber erwartet werde, dass terroristische Angriffe und Extremwetterereignisse als Ursachen für Netzzusammenbrüche zunehmen. Drei strukturelle Entwicklungen seither erhärten diese Einschätzung:
1. Instabileres Netz durch Transformation: Der Ausbau volatiler Erneuerbarer-Energien-Kapazitäten ohne parallelen Netzausbau erhöht laut Netzbetreibern die Zahl der Redispatch-Eingriffe – also der Noteingriffe, um das Netz stabil zu halten.
2. Sabotage und Cyberangriffe auf KRITIS: Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gilt die Bedrohung durch hybride Kriegsführung – Cyberangriffe, physische Sabotageakte an Energieinfrastruktur, Unterseekabel-Vorfälle – als reales, nicht mehr rein hypothetisches Szenario. Genau das greift Bundestags-Drucksache 20/6300 auf, wenn sie ankündigt, künftig auch militärische Bedrohungsszenarien systematisch in die Risikoanalyse aufzunehmen.
3. Zunehmende Extremwetterlagen: Stürme, Starkregen und Hitzeperioden belasten Trassen, Umspannwerke und Kühlsysteme von Kraftwerken zusätzlich – ein Faktor, den bereits der TAB-Bericht 2010 als Verstärker benannte.
Der Staat hat seit 2010 in eigenen Gutachten festgehalten, dass er im Blackout-Fall seiner Schutzpflicht nicht nachkommen kann – und gleichzeitig über Jahre hinweg zugelassen, dass genau die Bürger, die sich aus eigenem Antrieb darauf vorbereiteten, öffentlich als Spinner oder Sicherheitsrisiko markiert wurden. Wer von Eigenvorsorge redet, wurde madig gemacht; wer die Vorsorge unterließ, blieb unauffällig.
Mit der Preparedness Union Strategy vom März 2025 hebt die EU-Kommission das Thema auf eine neue Ebene: Jeder Haushalt in der Union soll sich künftig mindestens 72 Stunden selbst versorgen können. Kommissionspräsidentin von der Leyen begründete dies mit der Verwundbarkeit der Energienetze gegenüber gezielten Angriffen. Die Strategie sieht zudem einen europaweiten "Tag der Krisenvorsorge" und Vorsorge-Unterricht an Schulen vor – eine Institutionalisierung dessen, was elf Jahre zuvor noch als radikale Außenseiterposition galt.
Der TAB-Bericht selbst stuft die Wahrscheinlichkeit eines langandauernden, überregionalen Blackouts ausdrücklich als gering ein – die Analyse beschreibt einen "reasonable worst case", keine Prognose. Die skeptische Behandlung der Prepper-Szene ab 2017 war zudem keine grundlose Erfindung der Medien: Der Verfassungsschutz-Fall betraf ein real existierendes, rechtsextremes Umsturznetzwerk, kein diffuses Feindbild. Nicht jede Vorsorge-Kampagne staatlicher Stellen ist Ausdruck heimlicher Untergangsplanung – Verwaltungen betreiben Risikoanalyse routinemäßig für zahlreiche Gefahrenlagen, ohne dass ein Ereignis unmittelbar bevorstehen muss.
Wer profitiert von der zeitweiligen Delegitimierung der Eigenvorsorge? Kurzfristig jene Akteure, die Risikodiskurse exklusiv besetzen wollen – Behörden und Medien, die "berechtigte Sorge" lieber selbst takten, als sie unkontrolliert in der Bevölkerung wuchern zu lassen. Langfristig niemand: Denn dieselbe Verzögerung, die private Vorsorge stigmatisierte, hat auch die öffentliche Vorbereitung nicht beschleunigt – wie die Stromausfälle in Berlin 2026 zeigen. Die Diagnose bleibt strukturell, nicht individuell: Es geht nicht darum, wer hier bewusst getäuscht hat, sondern darum, welche institutionellen Anreize dazu führen, dass dieselbe Information zu unterschiedlichen Zeiten als Bürgerpflicht oder als Verdachtsmoment behandelt wird.