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Cui Bono · Krisenvorsorge

Die Blackout-Amnesie: Vom Staatsauftrag zum Verdachtsfall zur Bürgerpflicht

Dieselbe Handlungsempfehlung – Lebensmittel- und Wasservorrat für den Krisenfall – wurde in Deutschland innerhalb von 15 Jahren dreimal völlig neu politisch einsortiert. Eine Chronik einer Framing-Verschiebung, die viel darüber verrät, wer im Diskurs über "berechtigte Sorge" entscheidet.

Anfang 2026 waren in Berlin zeitweise rund 50.000 Haushalte ohne Strom. Die Tagesschau widmet dem Thema Blackout-Vorsorge inzwischen einen unaufgeregten Erklärfilm – Bürgerpflicht, sachlich vermittelt. Was in der Berichterstattung fehlt: Der Bundestag beschäftigt sich mit exakt diesem Szenario nicht erst seit gestern, sondern seit über 15 Jahren. Und in der Zwischenzeit galt genau dieselbe Vorsorge-Empfehlung den Leitmedien zeitweise als Symptom einer rechten Verschwörungsmentalität.

Die Chronik einer Neubewertung

2010 Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) legt im Auftrag des Bundestags-Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung den Bericht "Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften" vor (TAB-Arbeitsbericht Nr. 141). Analysiert wird ein mindestens zweiwöchiger, mehrere Bundesländer betreffender Stromausfall. Ergebnis: Der Staat könne seiner grundgesetzlichen Schutzpflicht für Leib und Leben in einem solchen Fall nicht mehr nachkommen.
2012/2013 Der Bundestag veröffentlicht die ersten offiziellen Risikoanalysen im Bevölkerungsschutz (Drucksachen 17/12051, 18/208) – Szenarien "Hochwasser" und "Pandemie durch Virus Modi-SARS", ein hypothetisches, aber methodisch ernst genommenes Seuchenmodell. Die drei Gefahrenlagen Blackout, Pandemie und Hochwasser bilden damit erstmals ein gemeinsames, staatlich erarbeitetes Vorsorge-Dreieck.
2016 Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) ruft erstmals seit Ende des Kalten Krieges die Bevölkerung offiziell auf, einen Vorrat für zehn Tage anzulegen.
2017 Nach der Aufdeckung eines rechtsextremen Netzwerks, das einen Umsturz am "Tag X" geplant haben soll, stellt der Verfassungsschutz Teile der Prepper-Szene unter Beobachtung. Von da an koppeln viele Leitmedien den Begriff "Prepper" reflexhaft an Reichsbürgertum und Rechtsextremismus – obwohl die zugrundeliegende Handlungsempfehlung identisch mit der offiziellen BBK-Kampagne von 2016 blieb.
2023 Bundestags-Drucksache 20/6300 aktualisiert die Risikoanalyse und kündigt an, künftig auch Szenarien der Bündnis- und Landesverteidigung systematisch zu erfassen – als direkte Konsequenz aus dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.
2024 Der ehemalige finnische Präsident Sauli Niinistö legt der EU-Kommission im Auftrag von Ursula von der Leyen einen Sicherheitsbericht vor: Jeder EU-Haushalt solle sich mindestens 72 Stunden selbst versorgen können.
März 2025 Die EU-Kommission stellt die "Preparedness Union Strategy" mit einem 30-Punkte-Plan vor: 72-Stunden-Vorrat, Notfalltasche, ein europaweiter "Tag der Krisenvorsorge", Vorsorge-Unterricht an Schulen.
2026 Tagesschau berichtet nach realen Stromausfällen in Berlin sachlich und ohne Prepper-Konnotation über Blackout-Vorsorge – exakt die Empfehlungen von 2016, nun wieder gesellschaftlich akzeptiert.
Die Handlungsempfehlung war nie das Problem. Das Problem war, wer sie wann aussprach – und wer dadurch als Bedrohung markiert wurde.
Factbox: Das staatliche Vorsorge-Dreieck

Blackout – TAB-Bericht 2010 (Nr. 141): mind. zweiwöchiger, überregionaler Stromausfall; Staat verliert Fähigkeit zur Grundversorgung nach wenigen Tagen.

Pandemie – Bundestags-Risikoanalyse 2012 ("Modi-SARS"): dreijähriger Verlauf mit drei Wellen, entwickelt unter Federführung des Robert-Koch-Instituts.

Hochwasser – Bundestags-Risikoanalyse 2012/2013: Extremes Schmelzhochwasser aus Mittelgebirgen als "reasonable worst case".

Warum das Szenario heute wahrscheinlicher wirkt

Der TAB-Bericht von 2010 hält fest, dass die Wahrscheinlichkeit eines großflächigen Stromausfalls zwar gering sei, aber erwartet werde, dass terroristische Angriffe und Extremwetterereignisse als Ursachen für Netzzusammenbrüche zunehmen. Drei strukturelle Entwicklungen seither erhärten diese Einschätzung:

1. Instabileres Netz durch Transformation: Der Ausbau volatiler Erneuerbarer-Energien-Kapazitäten ohne parallelen Netzausbau erhöht laut Netzbetreibern die Zahl der Redispatch-Eingriffe – also der Noteingriffe, um das Netz stabil zu halten.

2. Sabotage und Cyberangriffe auf KRITIS: Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gilt die Bedrohung durch hybride Kriegsführung – Cyberangriffe, physische Sabotageakte an Energieinfrastruktur, Unterseekabel-Vorfälle – als reales, nicht mehr rein hypothetisches Szenario. Genau das greift Bundestags-Drucksache 20/6300 auf, wenn sie ankündigt, künftig auch militärische Bedrohungsszenarien systematisch in die Risikoanalyse aufzunehmen.

3. Zunehmende Extremwetterlagen: Stürme, Starkregen und Hitzeperioden belasten Trassen, Umspannwerke und Kühlsysteme von Kraftwerken zusätzlich – ein Faktor, den bereits der TAB-Bericht 2010 als Verstärker benannte.

Dangerbox: Der Widerspruch

Der Staat hat seit 2010 in eigenen Gutachten festgehalten, dass er im Blackout-Fall seiner Schutzpflicht nicht nachkommen kann – und gleichzeitig über Jahre hinweg zugelassen, dass genau die Bürger, die sich aus eigenem Antrieb darauf vorbereiteten, öffentlich als Spinner oder Sicherheitsrisiko markiert wurden. Wer von Eigenvorsorge redet, wurde madig gemacht; wer die Vorsorge unterließ, blieb unauffällig.

Die EU zieht nach – mit Ansage

Mit der Preparedness Union Strategy vom März 2025 hebt die EU-Kommission das Thema auf eine neue Ebene: Jeder Haushalt in der Union soll sich künftig mindestens 72 Stunden selbst versorgen können. Kommissionspräsidentin von der Leyen begründete dies mit der Verwundbarkeit der Energienetze gegenüber gezielten Angriffen. Die Strategie sieht zudem einen europaweiten "Tag der Krisenvorsorge" und Vorsorge-Unterricht an Schulen vor – eine Institutionalisierung dessen, was elf Jahre zuvor noch als radikale Außenseiterposition galt.

Fairnessbox

Der TAB-Bericht selbst stuft die Wahrscheinlichkeit eines langandauernden, überregionalen Blackouts ausdrücklich als gering ein – die Analyse beschreibt einen "reasonable worst case", keine Prognose. Die skeptische Behandlung der Prepper-Szene ab 2017 war zudem keine grundlose Erfindung der Medien: Der Verfassungsschutz-Fall betraf ein real existierendes, rechtsextremes Umsturznetzwerk, kein diffuses Feindbild. Nicht jede Vorsorge-Kampagne staatlicher Stellen ist Ausdruck heimlicher Untergangsplanung – Verwaltungen betreiben Risikoanalyse routinemäßig für zahlreiche Gefahrenlagen, ohne dass ein Ereignis unmittelbar bevorstehen muss.

Offizielle BBK-Checkliste zur persönlichen Krisenvorsorge (Notvorrat, Notgepäck, Dokumentenmappe):
Zur BBK-Vorsorge-Checkliste

Cui bono?

Wer profitiert von der zeitweiligen Delegitimierung der Eigenvorsorge? Kurzfristig jene Akteure, die Risikodiskurse exklusiv besetzen wollen – Behörden und Medien, die "berechtigte Sorge" lieber selbst takten, als sie unkontrolliert in der Bevölkerung wuchern zu lassen. Langfristig niemand: Denn dieselbe Verzögerung, die private Vorsorge stigmatisierte, hat auch die öffentliche Vorbereitung nicht beschleunigt – wie die Stromausfälle in Berlin 2026 zeigen. Die Diagnose bleibt strukturell, nicht individuell: Es geht nicht darum, wer hier bewusst getäuscht hat, sondern darum, welche institutionellen Anreize dazu führen, dass dieselbe Information zu unterschiedlichen Zeiten als Bürgerpflicht oder als Verdachtsmoment behandelt wird.

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