Die Bertelsmann Stiftung gehört zu den einflussreichsten Stiftungen Deutschlands. Sie finanziert sich aus Anteilen an Europas größtem Medienkonzern, hat aber laut eigenen Angaben keine Stimmrechte an diesem Konzern. Wer entscheidet dann wirklich? Und was bedeutet es, wenn dieselbe Stiftung 2024 einen „Bürgerrat" gegen Desinformation organisiert, während der zugehörige Konzern selbst über RTL das größte private Fernsehnetz Deutschlands kontrolliert? Diese Fragen lassen sich anhand öffentlich zugänglicher Dokumente beantworten — ohne Motivunterstellung, rein strukturell.
BELEGT Seit 1993 hält die Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit der Reinhard Mohn Stiftung und der BVG-Stiftung die Mehrheit der Kapitalanteile an der Bertelsmann SE & Co. KGaA.
Die Bertelsmann Stiftung hält die Anteile zusammen mit der Reinhard Mohn Stiftung und der BVG-Stiftung zu 80,9 Prozent, verfügt dabei aber über keinerlei Stimmrechte. Diese liegen vollständig bei der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft mbH (BVG) — einer privaten Gesellschaft, die nicht der Gemeinnützigkeit unterliegt und deren Anteilseigner die Familie Mohn ist.
Wer sitzt in dieser BVG, die über den größten Medienkonzern Europas entscheidet? Die personelle Kontinuität zur Gründerfamilie ist lückenlos dokumentiert.
Christoph Mohn ist seit Juni 2021 Familiensprecher und Vorsitzender des Lenkungsausschusses der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft mbH sowie seit Januar 2013 Vorsitzender des Aufsichtsrats von Bertelsmann.
BELEGT Das Kuratorium der Bertelsmann Stiftung ist laut eigener Satzung (§13) personell mit den Gesellschaftern der BVG verflochten. Die Kontrollfunktion liegt damit strukturell bei denselben Personen, unabhängig davon, welche formale Rolle (Stiftung oder Konzern) gerade betrachtet wird.
BELEGT Die Übertragung der Kapitalmehrheit an die Stiftung 1993 hatte einen dokumentierten steuerlichen Effekt: Reinhard Mohn sparte seiner Frau Liz Mohn und den Kindern Christoph und Brigitte dadurch rund zwei Milliarden Euro Erbschafts- oder Schenkungssteuer. Zugleich bleibt der Konzern durch diese Konstruktion vor einem Verkauf an Dritte geschützt und in der Hand der Familie.
OFFEN Im Jahr 2005 wurde unter der nordrhein-westfälischen Landesregierung das Stiftungsrecht in NRW reformiert — nach Vorschlägen einer Expertenkommission der Bertelsmann-Stiftung. Damit entfiel die reguläre Stiftungsaufsicht durch die Regierungspräsidien de facto. Dieser Vorgang wird in mehreren Quellen erwähnt, eine detaillierte Auswertung der Gesetzesbegründung und der beteiligten Akteure steht für diesen Artikel noch aus und wäre ein eigenständiges Rechercheprojekt wert.
BELEGT Am 24. Januar 2024 startete das „Forum gegen Fakes – Gemeinsam für eine starke Demokratie" als bundesweites Beteiligungsprojekt der Bertelsmann Stiftung in Kooperation mit dem Bundesministerium des Innern und für Heimat, der Stiftung Mercator und der Michael Otto Foundation for Sustainability.
Der Bürgerrat übergab seine Empfehlungen zum Umgang mit Desinformation an Bundesinnenministerin Nancy Faeser; die Maßnahmen richten sich an Politik, Medien, Bildungseinrichtungen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Laut einer Erhebung der Bertelsmann Stiftung sehen 84 Prozent der Menschen in Deutschland Desinformation im Internet als großes gesellschaftliches Problem.
Zu den 28 Maßnahmen zählen unter anderem: ein verpflichtendes Schulfach bzw. Studienmodul „Medienkompetenz", ein freiwilliges Gütesiegel für Medien, eine zentrale Meldestelle für Desinformation, verpflichtende Kennzeichnung KI-generierter Inhalte sowie eine Ergänzung des Digital Services Act um verpflichtende jährliche Plattform-Audits nach dem Vorbild von EZB-Bankenaudits.
OFFEN Das Projekt löste Kritik aus, die von etablierten Medien bis zu alternativen Portalen reicht. Zwei Stimmen aus dem bürgerlich-konservativen bis liberalen Spektrum:
BELEGT Auch die Autorin Susanne Gaschke kritisierte das Gremium als pseudo-repräsentative Einrichtung; das Bundesinnenministerium selbst zeigte sich bei einigen Vorschlägen skeptisch, obwohl es Projektpartner war.
BELEGT Zur selben Unternehmensgruppe, deren Stiftung sich gegen Desinformation engagiert, gehört RTL Group — der größte private Fernsehkonzern Deutschlands und einer der größten in Europa. Bertelsmann erzielte 2022 einen Konzernumsatz von 20,2 Milliarden Euro mit rund 165.000 Mitarbeitenden, zum Konzern zählen neben RTL auch Penguin Random House, BMG und die Arvato Group.
Diese Doppelrolle — Medienkonzern und selbsternannter Schiedsrichter über „Desinformation" — wird in der öffentlichen Debatte selten in einem Satz genannt, obwohl beide Fakten öffentlich dokumentiert sind. Die strukturelle Frage bleibt für den Leser offen: Wer zertifiziert, wenn der Zertifizierer selbst der größte Player im zu bewertenden Markt ist?
BELEGT Ein Bildbeleg aus dem Jahr 2006 zeigt Angela Merkel gemeinsam mit Liz Mohn, damals Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Das Bild selbst belegt nur eine dokumentierte Begegnung — keine Absicht und keinen Einfluss auf konkrete Politik. Es ordnet sich aber in ein größeres Muster ein: Stiftungen mit Milliarden-Kapitalbasis unterhalten routinemäßig Kontakte auf höchster Regierungsebene, was angesichts ihrer Finanzkraft strukturell naheliegend, aber selten Gegenstand systematischer Transparenzpflichten ist.
Warum gilt für gemeinnützige Stiftungen in Deutschland keine Obergrenze für Unternehmensbeteiligungen, wie sie in den USA seit Jahrzehnten existiert?
Welche konkreten Änderungen brachte die Reform des NRW-Stiftungsrechts 2005 im Detail, und wer saß in der zugrundeliegenden Expertenkommission?
Ist es sachgerecht, dass die Handlungsempfehlungen eines von einer privaten Stiftung organisierten Bürgerrats ohne Gesetzgebungsverfahren direkt in eine Ministeriumsstrategie einfließen?