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Der verhinderte Frieden: Istanbul, Minsk und der Besuch aus London

Analyse · Quellenbasiert · Systemkritik

ARTIKEL #8

Mai 2026 | Lesedauer: ca. 11 Minuten


Zwei Friedensabkommen. Beide scheiterten. Bei beiden gibt es Aussagen der direkt Beteiligten, die das offizielle Narrativ — Russland trägt die alleinige Schuld — erheblich komplizieren.

Dieser Artikel dokumentiert, was die Beteiligten selbst gesagt haben. In ihren eigenen Worten. Mit Datum und Quelle.


1. Minsk: Das Abkommen, das keines sein sollte

Das Minsker Abkommen von 2015 galt jahrelang als gescheiterter Friedensversuch — gescheitert an russischem Desinteresse, so die westliche Darstellung.

Im Dezember 2022 korrigierte Angela Merkel diese Darstellung selbst.

In einem Interview mit der Zeit sagte die ehemalige Bundeskanzlerin: „Das Minsker Abkommen 2014 war der Versuch, der Ukraine Zeit zu geben. Sie hat diese Zeit auch genutzt, um stärker zu werden, wie man heute sieht."

Wenige Wochen später bestätigte der ehemalige französische Präsident François Hollande gegenüber dem Kyiv Independent dieselbe Einschätzung: Das Abkommen sei nötig gewesen, um der Ukraine eine Atempause zu verschaffen und ihre Armee auf einen direkten Konflikt vorzubereiten. „Seit 2014 hat die Ukraine ihre militärische Position gestärkt. Die ukrainische Armee war 2022 eine völlig andere als 2014 — besser ausgebildet und ausgerüstet."

Auch der ehemalige ukrainische Präsident Petro Poroschenko, der das Abkommen selbst unterzeichnet hatte, äußerte sich ähnlich.

Das sind keine russischen Quellen. Es sind die Unterzeichner des Abkommens.

Was das bedeutet: Ein Abkommen, das international als Friedensinitiative präsentiert wurde und unter dem Dach der OSZE stand, war nach Aussage der westlichen Hauptbeteiligten von Beginn an als Zeitgewinn für militärische Aufrüstung konzipiert — nicht als ernsthafter Versuch einer politischen Lösung.

Quelle Aussage Datum
Angela Merkel, Zeit-Interview Minsk sollte Ukraine „Zeit geben", stärker zu werden Dezember 2022
François Hollande, Kyiv Independent Abkommen war Atempause zur Armeevorbereitung Januar 2023
Petro Poroschenko Ähnliche Einschätzung Dezember 2022

2. Istanbul, April 2022: Was verhandelt wurde

Zwei Monate nach dem russischen Einmarsch im Februar 2022 fanden in Istanbul Gespräche statt. Ukrainische und russische Delegationen verhandelten über einen möglichen Waffenstillstand.

Was auf dem Tisch lag, ist teilweise rekonstruierbar:

Die russische Seite war bereit, den Vormarsch auf Kiew zurückzunehmen — was sie tatsächlich tat. Die Ukraine signalisierte Bereitschaft, auf eine NATO-Mitgliedschaft zu verzichten, im Gegenzug für Sicherheitsgarantien. Ein Zehn-Punkte-Plan der ukrainischen Delegation wurde der russischen Exiljournalistin Farida Rustamowa zugespielt und am 29. März 2022 veröffentlicht.

Der russische Verhandlungsführer Wladimir Medinski äußerte sich mehrfach positiv über den Verhandlungsstand. Die Gespräche galten intern als fortgeschritten.

Dann brach die Verhandlungsrunde ab.


3. Boris Johnson in Kiew: Was bekannt ist

Am 9. April 2022 erschien der damalige britische Premierminister Boris Johnson ohne vorherige Ankündigung in Kiew.

Was danach passierte, ist durch mehrere Quellen belegt — darunter eine ukrainische, eine britische und eine offizielle deutsche.

Ukrainska Prawda, 5. Mai 2022: Das ukrainische Nachrichtenportal berichtete unter Berufung auf Quellen aus dem engen Umfeld Selenskyjs, Johnson habe der ukrainischen Seite zwei Botschaften übermittelt: Erstens, Putin sei ein Kriegsverbrecher und solle unter Druck gesetzt werden, nicht verhandelt werden. Zweitens, selbst wenn die Ukraine zu einem Abkommen bereit sei, werde der Westen dies nicht unterstützen.

Davidd Arachamija, November 2023: Der Fraktionsvorsitzende von Selenskyjs Partei Diener des Volkes sagte in einem Interview: „Als wir aus Istanbul zurückkamen, kam Boris Johnson nach Kiew und sagte, dass wir überhaupt nichts unterschreiben und einfach kämpfen sollten." — Arachamija relativierte diese Aussage im selben Interview jedoch: Die ukrainische Delegation sei ohnehin nicht zur Unterzeichnung bereit gewesen.

Anfrage an die Bundesregierung, April 2023: In der offiziellen Antwort auf eine parlamentarische Anfrage hielt die Bundesregierung fest, dass bereits im Mai 2022 berichtet worden sei, die Verhandlungen seien nach Johnsons Besuch zum Erliegen gekommen. Johnson habe mitgeteilt, der Westen werde ein Abkommen mit Putin nicht unterstützen.

General a. D. Harald Kujat, ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr: Kujat erklärte in einem Interview mit dem Schweizer Magazin Zeitgeschehen im Fokus, nach zuverlässigen Informationen habe Johnson interveniert und eine Unterzeichnung verhindert. Seine Begründung: „Der Westen sei für ein Kriegsende nicht bereit."

Quelle Aussage
Ukrainska Prawda, Mai 2022 Johnson: Westen unterstützt kein Abkommen mit Putin
Arachamija (Selenskyjs Partei), Nov. 2023 Johnson sagte: „Einfach kämpfen"
Bundesregierung, offizielle Antwort, April 2023 Bestätigt: Verhandlungen nach Johnson-Besuch zum Erliegen
General a. D. Kujat Johnson intervenierte, Unterzeichnung verhindert

4. Die Verwirrung als Methode

An diesem Punkt beginnt eine zweite Schicht der Geschichte: die öffentliche Vernebelung.

Arachamija — derselbe Mann, der Johnson zitierte — sagte im selben Interview, die Ukraine wäre ohnehin nicht bereit gewesen zu unterzeichnen. Warum? Er nannte als Grund die Enthüllungen über Butscha, wo russische Kriegsverbrechen dokumentiert worden waren.

Das Magazin Blätter für deutsche und internationale Politik bezeichnete die Johnson-Geschichte als „Legende" und argumentierte, es gebe keine belastbaren Belege.

Das Portal Journal21 veröffentlichte eine ähnliche Einschätzung.

Beide Darstellungen — „Johnson hat es verhindert" und „Es war ohnehin keine Einigung möglich" — stützen sich auf dieselben, sich widersprechenden Aussagen derselben Beteiligten.

Das ist das Charakteristische an diesem Fall: Die Quellenlage ist nicht dünn. Sie ist widersprüchlich. Und der Widerspruch kommt von denselben Personen.

Ein ukrainischer Spitzenpolitiker bestätigt Johnsons Intervention — und relativiert sie im selben Atemzug. Westliche Kommentatoren greifen die Relativierung auf und ignorieren die Bestätigung. Russische Staatsmedien greifen die Bestätigung auf und ignorieren die Relativierung.

Das Ergebnis: Verwirrung. Und Verwirrung ist, bei einem Ereignis dieser Tragweite, nützlich.


5. Was der Zeitstrahl zeigt

Ohne Bewertung der Motive — nur die Abfolge der Ereignisse:

Datum Ereignis
Februar 2015 Minsk II unterzeichnet — als Friedensabkommen präsentiert
2015–2022 Ukraine rüstet auf, NATO-Training intensiviert sich
24. Februar 2022 Russischer Einmarsch
28. Feb. – 7. März 2022 Erste Verhandlungsrunden in Belarus
Ende März 2022 Istanbul-Gespräche, ukrainischer Zehn-Punkte-Plan kursiert
9. April 2022 Boris Johnson besucht Kiew
April 2022 Verhandlungen enden
Mai 2022 Erste Berichte über Johnsons Rolle (Ukrainska Prawda)
Dezember 2022 Merkel bestätigt: Minsk war Zeitgewinn
Januar 2023 Hollande bestätigt: Minsk war Atempause zur Aufrüstung
November 2023 Arachamija bestätigt und relativiert Johnsons Rolle
April 2023 Bundesregierung bestätigt Berichte über Johnson-Besuch offiziell

6. Die Fragen, die bleiben

Dieser Artikel behauptet nicht, dass ein Friedensvertrag unterschriftsreif war. Die Quellenlage lässt das nicht zu. Was die Quellenlage zeigt:

Die Frage, die sich daraus ergibt, ist keine rhetorische: Wenn das stimmt, was Merkel, Hollande und Poroschenko gesagt haben — was bedeutet das für die Glaubwürdigkeit westlicher Friedensdiplomatie als solcher?


Quellenverzeichnis

Primäraussagen der Beteiligten: - Angela Merkel, Die Zeit, Dezember 2022 - François Hollande, Kyiv Independent, Januar 2023 - David Arachamija, Interview, November 2023 - Wladimir Medinski (russischer Verhandlungsführer), mehrere Interviews, 2022

Offizielle Dokumente: - Antwort der Bundesregierung auf parlamentarische Anfrage, April 2023 (Drucksache 20/6366) - Minsk II Abkommen, unterzeichnet 12. Februar 2015, OSZE-Archiv

Medien: - Ukrainska Prawda, 5. Mai 2022 — Erstbericht über Johnson-Besuch - Responsible Statecraft, September 2022 — „Hat Boris Johnson geholfen, ein Friedensabkommen zu verhindern?" - Foreign Affairs, 2022 — Bericht über vorläufige Einigung im April 2022 - Farida Rustamowa / Faridaily, 29. März 2022 — Zehn-Punkte-Plan der ukrainischen Delegation - Berliner Zeitung, November 2023 — Arachamija-Interview

Einordnung und Gegenpositionen: - Blätter für deutsche und internationale Politik, April 2023 — „Die Johnson-Legende" - ZDF heute, Februar 2025 — Faktencheckartikel zu Istanbul-Narrativen


Hinweis zur Methodik

Dieser Artikel gibt keine abschließende Bewertung darüber, ob ein Friedensvertrag im April 2022 möglich war. Er dokumentiert, was Beteiligte gesagt haben — mit Datum, Quelle und im vollen Kontext ihrer Aussagen, einschließlich der Widersprüche. Der Leser zieht seine Schlüsse selbst.


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Lesedauer: ca. 11 Minuten

Interne Verknüpfung: Rücklink auf DOSSIER #7b (Waffenkontrolle), Vorauslink auf künftiges DOSSIER #9

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