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Fakten · Quellen · Dokumentation — keine Schlussfolgerungen
Artikel #040  ·  Juli 2026  ·  Quellenbasiert

Mont Pèlerin → Silicon Valley

Wie eine akademische Gesellschaft von 1947 über drei Generationen von Thinktanks bis zu Peter Thiels Essay von 2009 führt
Dieser Artikel stellt dokumentierte Fakten nebeneinander. Keine Motive, keine Spekulation. Alle Angaben basieren auf öffentlich zugänglichen Primärquellen. Die Schlussfolgerung überlässt dunkelfeld.report dem Leser.

10. April 1947: 36 Ökonomen, Philosophen und Historiker treffen sich im Hôtel du Parc am Mont Pèlerin oberhalb des Genfersees. Gastgeber ist Friedrich August von Hayek. Ziel des zehntägigen Treffens: eine intellektuelle Gegenbewegung zum Kollektivismus der Nachkriegszeit zu formulieren.

13. April 2009: Das libertäre Cato Institute veröffentlicht in seinem Onlinemagazin Cato Unbound einen Essay des PayPal-Mitgründers Peter Thiel mit dem Titel "The Education of a Libertarian" — bereits dokumentiert in Artikel #29 dieses Archivs ("Das unsichtbare Netzwerk").

Zwischen beiden Daten liegen 62 Jahre. Dieser Artikel dokumentiert die institutionelle Kette, die beide Ereignisse verbindet — Station für Station, mit Gründungsjahr, handelnder Person und Quelle. Er bewertet nicht, ob diese Kette eine bewusste Strategie oder das wiederkehrende Muster einer Denkschule ist. Er stellt nebeneinander, was dokumentiert ist.

1. Mont Pèlerin, 1947 — der Ursprung

Die Mont Pelerin Society (MPS) wurde 1947 von Hayek gegründet, nachdem ursprüngliche Namensvorschläge (nach Lord Acton oder Tocqueville) auf Widerstand gestoßen waren — die Gesellschaft übernahm stattdessen den Namen ihres Tagungsorts. Zu den prominenten Teilnehmern der Gründungskonferenz gehörten Milton Friedman, Ludwig von Mises, Karl Popper, George Stigler, Frank Knight, Maurice Allais und Walter Eucken. Acht Teilnehmer erhielten später den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften. Die MPS versteht sich seither als Plattform zur Verteidigung und Weiterentwicklung des wirtschaftlichen Liberalismus.

2. Antony Fisher trifft Hayek — der Rat, der alles veränderte

1945 liest der britische Geschäftsmann Antony Fisher eine gekürzte Fassung von Hayeks "The Road to Serfdom" im Reader's Digest. Er sucht Hayek daraufhin an der London School of Economics auf — mit dem Plan, selbst in die Politik zu gehen. Hayek rät ihm davon ab. Dokumentiert ist Hayeks Position: Thinktanks seien das wirksamere Mittel, um politischen Wandel zu bewirken, nicht das Parlament.

3. Institute of Economic Affairs, 1955 — die erste Umsetzung

Fisher gründet 1955 gemeinsam mit Ralph Harris und Oliver Smedley das Institute of Economic Affairs (IEA) in London. Finanziert wird die Gründung aus Fishers Vermögen — erworben durch Buxted Chickens, Großbritanniens erste Batteriehennenfarm. Das IEA gilt bis heute als eine der einflussreichsten marktliberalen Denkfabriken Großbritanniens.

4. Die Vervielfältigung — ein Thinktank wird zum Modell

Fisher wiederholt das Modell in den folgenden Jahren mehrfach: das Fraser Institute in Vancouver (1975, Fisher als Mit-Direktor), das Manhattan Institute in New York (1977) und das Pacific Research Institute in San Francisco (1979). Jede Gründung folgt demselben Muster — unabhängige Finanzierung, akademischer Anstrich, marktliberale Grundausrichtung.

5. Atlas Economic Research Foundation, 1981 — die Zentrale

1981 gründet Fisher die Atlas Economic Research Foundation (heute: Atlas Network), um die weltweite Koordination seiner Institute zu zentralisieren. 1987 fusioniert sie mit dem Institute for Humane Studies. Aus anfänglich 15 Thinktanks in neun Ländern (Mitte der 1980er) wächst das Netzwerk auf 457 Partnerorganisationen in 96 Ländern (2020) und 581 Partnerorganisationen in über 100 Ländern (Stand 2024).

6. Wer bezahlt das Netzwerk

Für 2024 weist Atlas Network Einnahmen von 24,3 Millionen US-Dollar und Ausgaben von 25 Millionen US-Dollar aus. Zu den dokumentierten Hauptgeldgebern zählen die Charles Koch Foundation, Donors Trust, die Lynde and Harry Bradley Foundation und die John Templeton Foundation. Atlas Network selbst gibt an, dass 2020 unter zwei Prozent der Spenden von Unternehmen stammten. Unabhängige Recherchen (u. a. tobaccotactics.org) dokumentieren, dass mehr als ein Fünftel der weltweiten Partnerorganisationen Verbindungen zur Tabakindustrie hatte oder Spenden von ihr erhielt, sowie eine dokumentierte Zusammenarbeit einzelner Partner mit Ölkonzernen gegen Klimaschutzmaßnahmen.

7. Cato Institute, 1977 — die zweite Linie

Parallel zur Atlas-Linie entsteht 1977 in San Francisco das Cato Institute — gegründet von Ed Crane, Murray Rothbard und Charles Koch. Koch ist nicht nur Mitgründer, sondern über Jahrzehnte Finanzier des Instituts und zugleich, als Charles Koch Foundation, einer der Hauptgeldgeber von Atlas Network. Damit verbindet dieselbe Person beide Linien — nicht institutionell, sondern personell über die Finanzierung. Cato beschreibt sich selbst als "amerikanischer libertärer Thinktank" mit Wurzeln im klassischen Liberalismus und begrenzter Staatstätigkeit als Kernforderung.

8. Der Essay, der beide Linien zusammenführt

Am 13. April 2009 veröffentlicht Cato Unbound Peter Thiels Essay "The Education of a Libertarian". Wie in Artikel #29 dokumentiert, gilt dieser Text seither als programmatische Grundlage für Thiels politisches Engagement — von der Gründung der informellen "PayPal-Mafia" bis zur zwei Jahrzehnte lang geheim gehaltenen "Dialog Society", deren Mitgliederliste im Juni 2026 durch ein Datenleck öffentlich wurde.

9. Die Kette im Überblick

JahrEreignisPerson / Institution
1947Gründung Mont Pelerin SocietyF. A. Hayek, Genfersee
1955Gründung Institute of Economic AffairsAntony Fisher, London
1975–1979Fraser Institute, Manhattan Institute, Pacific Research InstituteAntony Fisher (Mitgründer/Berater)
1977Gründung Cato InstituteEd Crane, Murray Rothbard, Charles Koch
1981Gründung Atlas Economic Research FoundationAntony Fisher
2009Essay "The Education of a Libertarian"Peter Thiel, Cato Unbound
2026Datenleck Dialog Society (siehe Artikel #29)Peter Thiel, Jens Spahn u. a.

Offene Frage

Eine akademische Gesellschaft von 1947 steht am Anfang einer Kette von Gründungen, Fusionen und Finanzierungen, die 62 Jahre später bei einem Essay landet, der wiederum in Artikel #29 in eine geheime Elite-Gesellschaft mündet. Ist das eine bewusste, durchgehaltene ideologische Linie — oder das wiederkehrende Muster einer Denkschule, die sich in jeder Generation neu organisiert, weil ihre Grundthese unverändert bleibt? dunkelfeld.report dokumentiert die Kette der Institutionen und Personen. Die Bewertung überlässt dunkelfeld.report dem Leser.

Quellenverzeichnis
Primärquellen
Peter Thiel: "The Education of a Libertarian", Cato Unbound, 13. April 2009 — cato-unbound.org/2009/04/13/peter-thiel/education-libertarian/
Atlas Network: Jahresberichte und Partner-Verzeichnis, atlasnetwork.org
Nachschlagewerke / Recherche
Wikipedia (EN): "Antony Fisher", "Atlas Network", "Cato Institute"
Wikipedia (DE): "Mont Pèlerin Society"
Institute of Economic Affairs: "The life and work of Sir Antony Fisher", iea.org.uk
Alejandro Chafuen: "Atlas Economic Research Foundation — early history", chafuen.com
Tobacco Tactics: "Atlas Network", tobaccotactics.org
Anschluss
Artikel #29 "Das unsichtbare Netzwerk", Artikel #041 "Atlas Network gegen Atlas-Initiative"

Hinweis zur Methodik

Alle Angaben zu Gründungsjahren, Personen und Finanzierung basieren auf öffentlich zugänglichen Quellen (Wikipedia, Selbstdarstellungen der Institute, unabhängige Recherchen wie Tobacco Tactics). Wo Zahlen zwischen Quellen abweichen (z. B. Partnerzahlen von Atlas Network im Zeitverlauf), sind beide Angaben mit Jahr genannt. Eine institutionelle Verbindung zwischen Atlas Network und Cato Institute ist nicht dokumentiert — dokumentiert ist lediglich die personelle Überschneidung über Charles Koch als Mitgründer bzw. Hauptfinanzier beider Organisationen. Schlussfolgerungen über Absicht oder Koordination sind nicht Gegenstand dieses Artikels.

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