Von allen vier Akteuren dieser Serie ist Frankreich derjenige mit der längsten Vorgeschichte in Afrika — und dem sichtbarsten Rückzug der letzten Jahre. Der Begriff "Françafrique" beschreibt seit Jahrzehnten das enge, oft informelle Geflecht aus Militärpräsenz, Währungskontrolle und wirtschaftlichem Einfluss, mit dem Paris seine ehemaligen Kolonien an sich band. Zwischen 2022 und 2025 ist dieses Modell in mehreren Ländern kollabiert — nicht durch französische Entscheidung, sondern durch Vertreibung.
Der Rückzug erfolgte laut mehreren Quellen im Umfeld wachsenden innenpolitischen Drucks in den jeweiligen Ländern und zunehmender antifranzösischer Proteste. Burkina Fasos Präsident Ibrahim Traoré positioniert sich besonders explizit gegen westlichen Einfluss.
Der CFA-Franc wurde 1945 als Währung der "Colonies Françaises d'Afrique" eingeführt — das Kürzel wurde später in "Communauté Financière Africaine" umgedeutet, die Struktur blieb. Er gilt heute in 14 west- und zentralafrikanischen Staaten mit zusammen rund 160 Millionen Einwohnern und ist zu einem festen Kurs an den Euro gebunden (655,957:1).
Bis zu einer Reform 2019 mussten die westafrikanischen CFA-Staaten die Hälfte ihrer Devisenreserven bei der Banque de France hinterlegen; Frankreich saß zudem in den Leitungsgremien der Zentralbanken. Die Reform beendete beides formal für die westafrikanische Zone (UEMOA) — die zentralafrikanische Währungsunion (u. a. Kamerun, Gabun, Tschad) behielt das alte System bei, dort gibt es bislang keine Reformpläne.
Bereits 2019 kündigten westafrikanische Staatschefs an, den CFA-Franc 2020 durch eine neue, französisch-unabhängige Währung namens Eco zu ersetzen. Die Einführung wurde mehrfach verschoben — zuletzt auf 2027. Ob sie stattfindet und was sie substanziell ändert, ist umstritten:
| Position | Argument |
|---|---|
| Kritiker (u. a. Cheikh Tidiane Dieye) | Reform sei "politischer Betrug" — verhindere eine echte regionale Währungsunion, da der Eco weiterhin an den Euro gekoppelt bleibt |
| SWP (Evita Schmieg) | Reform sei bereits als Erfolg zu werten, allein durch den Rückzug Frankreichs aus dem Aufsichtsgremium — unabhängig vom Namen der Währung |
| Nigeria/anglophone Staaten | Fordern radikalen Bruch mit dem CFA-System; eigener Naira, keine Euro-Bindung |
Redaktionelle Einordnung: Ob die geplante Eco-Reform substanzielle Souveränität bringt oder nur eine kosmetische Umbenennung ist, wird von anerkannten Institutionen (SWP) und kritischen Ökonomen unterschiedlich bewertet. Beide Seiten stützen sich auf denselben Sachverhalt — die Euro-Bindung bleibt bestehen — kommen aber zu gegensätzlichen Bewertungen. Daher bleibt diese Frage OFFEN.
Frankreichs Afrika-Politik wurde traditionell mit dem Anspruch begründet, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Entwicklung zu fördern — ein Anspruch, den auch die EU und die USA für ihr Afrika-Engagement formulieren. Der beobachtbare Verlauf der letzten Jahre — Rückzug unter Druck, Ersetzung durch russische Söldnertruppen mit dokumentiert schlechterer Menschenrechtsbilanz (siehe Teil 2) — lässt sich als Indiz werten, dass der "Wertewesten"-Anspruch und die tatsächliche Handlungsfähigkeit vor Ort zunehmend auseinanderfallen. Ein direkter Kausalbeweis, dass Werterhetorik und Realpolitik grundsätzlich entkoppelt sind, liegt nicht vor — die Beobachtung bleibt eine Einordnung, keine belegte Tatsachenfeststellung.