Dokumentation · Fakten · Quellen Juli 2026
Serie: Schwarzes Gold — Was Erdöl wirklich bewegt · Teil 2

Nachwachsendes Öl? Was an der Theorie dran ist — und was nicht

Die Idee, dass Erdöl kein "fossiler" Brennstoff ist, sondern tief im Erdmantel ständig neu entsteht, klingt nach Internet-Mythos. Tatsächlich wurde sie von ernstzunehmenden Wissenschaftlern vertreten — und an einem sehr realen Praxistest überprüft.

Lesedauer: ca. 7 Minuten · Teil 2 der Serie "Schwarzes Gold"

1. Keine Erfindung von YouTube: Die abiotische These hat Geschichte

Die Vorstellung, Kohlenwasserstoffe könnten rein anorganisch entstehen, geht auf den russischen Chemiker Dimitri Mendelejew im 19. Jahrhundert zurück — bekannt vor allem als Erfinder des Periodensystems. In den 1950er-Jahren griff der sowjetische Geologe Nikolai Kudrjawzew die Idee wissenschaftlich auf. Sein Argument: An manchen Fundstellen, etwa den Athabasca-Ölsanden in Kanada, ließen sich seiner Ansicht nach keine ausreichenden organischen "Muttergesteine" nachweisen, um die enormen Ölmengen zu erklären.

Im Westen wurde die Theorie vor allem durch den renommierten Cornell-Physiker Thomas Gold bekannt, der 1998 sein Buch "The Deep Hot Biosphere" veröffentlichte. Golds These: Kohlenwasserstoffe seien bereits bei der Entstehung des Sonnensystems vorhanden gewesen und fänden sich nachweislich auch auf anderen Himmelskörpern wie Jupiter, Saturn oder dem Saturnmond Titan — wo mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie Leben existiert hat.

Quelle Wikipedia: "Abiogenic petroleum origin". Richard Heinberg: "Richard Heinberg on Abiotic Oil". Thomas Gold: "The Deep Hot Biosphere" (1998).

2. Der Praxistest: 40 Millionen Dollar für 80 Barrel

1986 überzeugte Thomas Gold die schwedische Regierung und private Investoren, seine Theorie an einem konkreten Ort zu testen: dem Siljan-Krater, einem 360 Millionen Jahre alten Einschlagkrater in Zentralschweden. Sechs Kilometer tief wurde durch massives Granitgestein gebohrt — Gestein, das keinerlei organischen Ursprung hat und daher als idealer Testfall für abiotisches Öl galt.

40 Mio. $
Investitionssumme für das Bohrprojekt
6 km
Bohrtiefe durch Granit
80
Barrel Öl gefunden — nach 6 Jahren

Das Ergebnis nach sechs Jahren Bohrarbeit: ganze 80 Barrel Öl — kommerziell bedeutungslos und ohne eindeutigen Nachweis, dass es sich überhaupt um abiotisch entstandenes Öl handelte. Gold selbst musste seine Theorie später nachträglich ergänzen: Möglicherweise stammten die gefundenen Kohlenwasserstoffe aus tief lebenden Bakterien, die Methan in höhere Kohlenwasserstoffe umwandelten — ein deutlich abgeschwächtes Argument gegenüber der ursprünglichen These.

Quelle RealClearScience: "The Prestigious Scientist Who Theorized That Oil Comes from Another World Inside Earth" (2015). Zitat des Geologen Geoffrey Glasby (University of Tokyo) zu den physikalischen Grenzen der Methan-Umwandlung im Erdmantel.

3. Der wissenschaftliche Stand heute

Der aktuelle Forschungsstand ist eindeutig, aber nicht ganz so einfach wie "alles Mythos": Abiotisch entstandene Kohlenwasserstoffe existieren nachweislich — in geringen Mengen, etwa im Erdmantel oder auf Himmelskörpern wie Titan, wo Methan ganz ohne biologischen Ursprung vorkommt. Global bedeutende Mengen abiotischen Öls in der Erdkruste gelten laut wissenschaftlichem Konsens jedoch als unwahrscheinlich.

Der entscheidende Gegenbeweis liegt in der Chemie des Erdöls selbst: Es enthält Nickel- und Vanadium-Porphyrin-Verbindungen, die eng mit Eisen-Porphyrin (Hämoglobin bei Tieren) und Magnesium-Chlorophyll (bei Pflanzen) verwandt sind. Diese Biomarker lassen sich mit einer rein anorganischen Entstehung kaum erklären — sie deuten stark auf einen biologischen Ursprung hin.

Einordnung BELEGT Abiotisch entstandene Kohlenwasserstoffe existieren in geringen Mengen (Erdmantel, Titan, andere Himmelskörper).

VT-WIDERLEGT Dass sich große, kommerziell genutzte Ölfelder auf diese Weise auffüllen bzw. praktisch unerschöpflich seien.

OFFEN Ob abiotische Prozesse in seltenen geologischen Sonderfällen (tiefe Verwerfungszonen, kristallines Grundgestein) einen nennenswerten, aber nicht kommerziell relevanten Beitrag leisten.

4. Warum die Theorie trotzdem nicht ganz verschwindet

Ein Grund für die anhaltende Popularität: Wenn Öl tatsächlich unerschöpflich wäre, entfiele die Notwendigkeit, Alternativen zu entwickeln. Diese verlockende Konsequenz erklärt teilweise, warum die Theorie in politisch motivierten Kreisen bis heute zitiert wird — obwohl der bislang einzige ernstzunehmende praktische Test sie nicht bestätigen konnte.

Eine seriös begründete wissenschaftliche Minderheitsposition mit prominenten Vertretern — und ein eindeutig gescheiterter Praxistest. Beides gehört zur vollständigen Geschichte. Die Frage, ob einzelne geologische Sonderfälle künftig neue Erkenntnisse liefern, bleibt offen.

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